• Bruchstücke der Geschichte einsammeln: Wie soziale Bewegungen heute die Zukunft bauen können

    Wie kann sich die Zivilgesellschaft heute zusammenfinden, um soziale Veränderungen herbeizuführen? Sind wir dafür nicht viel zu fragmentiert, kapitalistische Strukturen viel zu mächtig? Der Politikwissenschaftler Robert Latham schlägt vor, dass Gemeinschaften die Bruchstücke der Geschichte einsammeln und in einem gemeinschaftlichen Prozess neue Formen des Zusammenlebens und des politischen Kampfes entwickeln.

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    Ich denke, soziale Bewegungen müssen im Lichte der Re-Kollektivität betrachtet werden. Das von mir entwickelte Konzept der Re-Kollektivität bezieht sich auf das, was ich als ‚re-kollektive Passage‘ bezeichne. Doch was ist eigentlich eine Passage? Und wie entstehen Re-Kollektive?

    Re-Kollektive entstehen durch etwas, was ich als „verhinderte Transgression“ bezeichnen möchte. Diese Formationen betonen die Aspekte des Abweichens und Ausweichens sowie die Herausbildung von Ordnungen. Letzteres kann als Passage bezeichnet werden. Es bricht mit den vorgefundenen Umständen und geht über sie hinaus. In der Theorie können zwei Strömungen ausgemacht werden, die diese Art des Ordnungsprinzips erklären. Eine davon ist Antonio Gramscis Arbeit zum integralen Staat. Die Zweite ist Walter Benjamins Passagen-Werk.

    Benjamin betrachtet dort Passagen, die in Form von überdachten Durchgängen durch Paris führen. In ihnen sah er Möglichkeitsräume für politische Veränderungen – auch innerhalb der Zwänge des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Sie fungiert hier als eine Art Container und stellt in dieser Eigenschaft sowohl eine Form von Protektionismus dar als auch ein Symbol für den nach Sicherheit strebenden Nationalstaat. Was die Passage als urbane Einrichtung auch interessant macht: Sie stellt geschützte Seitenstraßen zur Verfügung, welche von den gängigen Machtstrukturen fortführen und Möglichkeitsräume und Mobilität eröffnen.

    In diesem Zusammenhang ist das Konzept der Fluchtlinien von großer Bedeutung, das Gilles Deleuze und Felix Guattari entwickelt haben. Die beiden Philosophen haben sich mit den Möglichkeiten der Flucht vor Machtstrukturen und Gewalt befasst. Doch dieser Ansatz sollte nicht missverstanden werden: Bei der Passage geht es nicht einfach nur Flucht oder Entkommen. Die Idee der Passage dreht sich vor allem darum, etwas zu bauen. Es geht nicht nur um Linien oder Vektoren, die von irgendwo fortführen. Nein, die Passage kann von starken „organisatorischen“ Wänden umgeben sein, um sich selbst zu schützen.

    Offen sein für neue Organisationsformen

    Nun zu meinem Konzept der Re-Kollektivität. Dies bedeutet, dass man offen bleibt für neue Formen, unser gemeinsames Leben zu organisieren. Jenes Leben, das vor uns liegt in Form einer Passage, die es ermöglicht, neue Ausdrucksweisen auszuprobieren angesichts sich ändernder sozialer und politischer Bedingungen. Die Passage ist offen für das, was möglich ist, für alternative Denkweisen und auch für Neuankömmlinge in der Passage.

    Re-kollektive Passage bedeutet nicht, dass wir uns von einer historischen Situation in die nächste bewegen, wie es beispielweise beim Übergang des Feudalismus hin zum Kapitalismus der Fall war oder vom demokratischen Kapitalismus hin zum Sozialismus. Letzteres würde bedeuten, dass durch permanente Revolution dieses Stadium erreicht wird. Nein, bei der re-kollektiven Passage geht es um Gemeinschaften von unterschiedlicher Größe, die ihr Zusammenleben verändern, in dem sie sich dafür einsetzen, dass ihr soziales und politisches Leben anders organisiert wird.

    Dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen re-kollektiver Transformation und gesellschaftlichem Wandel herzustellen, der hervorgerufen wird durch permanente Revolution. Schließlich können re-kollektive Handlungen zu diesem Wandel führen. Doch da ist mehr: Bestimmte Aspekte dieser re-kollektiven Logik können wir auch bei Karl Marx wiederfinden. In seiner Analyse des 18. Brumaire (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_achtzehnte_Brumaire_des_Louis_Bonaparte) betrachtet Marx die Bourgeoisie als eine Art revolutionäre Klasse. Jene kann die soziale Ordnung für kurze Zeiträume auf den Kopf stellen, doch dann verschließt sie sich wieder und handelt in diesem Sinne nicht re-kollektiv. Marx erhoffte sich von der Arbeiterklasse eine permanente Revolution, die dafür sorgt, dass Veränderung, Kritik und Abwechslungen beständig stattfinden. Es ist an der Zeit, diese Idee erneut auf den Prüfstand zu stellen und mit dem Konzept der Re-Kollektivität zu verjüngen.

    Was bedeutet das Öffentliche für das Re-Kollektiv als Gemeinschaft? Öffentlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man einen bestimmten Status innehat oder sie stellt eine Bedingung dar. Oder aber sie ist das Objekt sozialer Betrachtung. Die re-kollektive Passage stellt hingegen die ordnende Aktivität in den Mittelpunkt. Es gibt noch ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Die Passage verhindert den Zugang, zumindest teilweise. Dies steht im Widerspruch zum „Öffentlich-Sein“ und der starken Betonung eines freien Zugangs. Zugleich wird die Gemeinschaft oft im Zusammenhang mit einer bestimmten, kollektiv geteilten Beziehung zu Dingen gesehen: Land, Vorräte und materielle Infrastruktur. Diese Beziehung kennen wir vom Kollektivismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektivismus). Diese Art von Beziehung ist wichtig in der in der re-kollektiven Passage.

    Bruchstücke sammeln und neu zusammensetzen

    Der englische Ausdruck to re-collect beinhaltet auch die Bedeutung, ’sich (wieder) zu sammeln‘, ’sich zu erinnern‘ oder auch ‚wieder zu sich zu finden‘. In diesem Sinne kann die re-kollektive Passage auch bedeuten, dass man Bruchstücke der Geschichte wiederfindet, sammelt und neu zusammensetzt. Auch diese Idee ist von Walter Benjamin inspiriert. Es kann zu einem Wiederauffinden bestimmter Ressourcen – wie „Land“, „Status“ oder „Rechte“ kommen. Ressourcen, die verloren gegangen sind im Lauf der Geschichte und im Prozess der sozialen Ausgrenzung bewusst „vergessen“ wurden.

    Dieser Prozess der re-kollektiven Passage wird vermutlich von indigenen Völkern am intensivsten erlebt. Im Prozess der Re-Collection, des Wiederauffindens und Sich-sammelns jener, die unterdrückt worden sind, erkenne ich die re-kollektive Passage beziehungsweise den Wunsch, einen derart geschützten Weg gemeinschaftlich einzuschlagen. Bei diesen Beschreibungen ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass es hier um die Mesoebene geht. Sie ist viel wichtiger als die Mikroebene, die sehr kleine Gruppierungen beschreibt oder auch Individuen und die räumlich begrenzt ist. Auf der Mesoebene ist es möglich daran zu arbeiten, Dinge anders zu machen und damit Einfluss zu nehmen auf eine größere Gemeinschaft oder einen gesamten Lebensaspekt. Hier kann man beispielsweise daran arbeiten, die Funktionsweise von Staatsgrenzen zu verstehen oder die Grundbedingungen von Arbeit zu entwerfen.

    Meso bezieht sich hier nicht nur auf die Anzahl der Menschen oder auf räumliche Ausweitung, sondern auf eine eigenständige Dimension sozialen und politischen Lebens. Makro bezieht sich im Kontrast dazu auf Gesellschaften oder soziale Räume insgesamt – oftmals ist der Bezugsrahmen der Nationalstaat. Wenn ich also von der Mesoebene spreche, dann geht es mir nicht um politische Reformen, sondern um grundlegende Veränderungen davon, wie soziales und politisches Leben organisiert wird (von der Frage der Energieversorgung bis hin zum Grenzregime). Diese Änderungen können sich auf ein bestimmtes Segment der Wirtschaft beziehen – so wie wir es am Beispiel des Community Banking derzeit erleben.

    Was ist neu?

    Nun könnte man einwenden, dass es sich hierbei um eine althergebrachte Betrachtungsweise handelt, die Graswurzelbewegungen und bestimmte Communities ins Blickfeld rückt, die ihre Umstände verändern wollen und sich dafür mobilisieren. Oder, vielleicht etwas romantischer ausgedrückt: Man könnte behaupten, dass es sich bei diesen re-kollektiven Passagen auf der Mesoebene einfach nur um Prototypen handelt, also um Gruppen von Menschen, die etwas anders machen wollen und deren Beispiel und Ansatz im Glücksfall kopiert werden. Alles berechtigte Einwände.

    Doch was, wenn wir diese Graswurzelbewegungen nicht als Endpunkt einer Analyse betrachten, sondern als ihren Ausgangspunkt? Die re-kollektive Passage erlaubt es, Gemeinsamkeiten mit anderen Gruppen zu entdecken, die eigene Nachbarschaft genauso in den Blick zu nehmen, wie größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Ein Beispiel dafür wären die Black Panther. Neben radikalen politischen Forderungen, die sich gegen Staat und Kapitalismus richteten, und die innerhalb der Gruppe umgesetzt worden sind, gab es ein Engagement in der eigenen Nachbarschaft: von Hausaufgabenbetreuung bis hin zur Essensausgabe. Die re-kollektive Passage beinhaltet diese Art von Aktivitäten nicht automatisch – auch nicht das Reflektieren und die Analyse solcher Aktivitäten. Es geht viel eher darum herauszufinden, was die Logiken einer ganz bestimmten Organisationsform sind, die das Ausweichen und Abweichen ermöglichen.

    In diesem Sinne könnte die Passage auch innerhalb einer bereits existierenden sozialen Bewegung stattfinden – beispielsweise genau in jenem Moment, in dem eine Bewegung an einen Punkt gelangt, an dem Ausweichen und Abweichen notwendig werden. Oder die Passage findet nur in einem bestimmten Segment der Bewegung statt, das sich gerade in die beschriebene Richtung entwickelt. Das hat zur Folge, dass es eine Vielzahl an Optionen und an möglichen Verwirrungen gibt, wenn es um die verschiedenen Ordnungsprinzipien von Bewegungen geht. Doch das muss man nicht unbedingt als Hindernis betrachten. Das kann man auch als eine Stärke sehen.

    Soziale Bewegungen und Prototypen

    Wir sollten noch einmal auf die Idee des Prototyps zurückkommen. Hierbei geht es nämlich um die Zukunft, oder besser gesagt: um eine Bewegung in Richtung Zukunft. Oftmals wird davon ausgegangen, dass wir die Zukunft aus der Gegenwart heraus prägen können. Diese Zukunftsbildung würde darauf basieren, dass alternative Organisationsmodelle in der Praxis ausprobiert werden.

    Diese Art der Prototypisierung ist zwar relevant, aber die re-kollektive Passage nimmt etwas anderes in den Fokus. Hier geht es um die Frage wie ein Kollektiv im Rahmen seines Abweichens und Ausweichens sich in eine alternative Zukunft bewegt. Für die Passage ist es wichtig, dass Alternativen entwickelt werden, während sich das Kollektiv in die Zukunft bewegt. Der Prototyp setzt jedoch darauf, dass Alternativen für die Zukunft entwickelt werden. Diese Unterscheidung ist relevant für die Bestimmung davon, was Prototypen sind.

    In der Bewegung der Passage gibt es keinen Anspruch darauf, dauerhaft zu sein. Aber es gibt eine Verpflichtung zur Nachprüfung. Für mich ist genau das eine wichtige Bedeutung der Passage: Es geht darum, in einen Bewegungsablauf der Veränderung einzutreten. Es geht nicht um Antizipation und Modellentwicklung einer bestimmten utopischen Zukunft. Es geht darum, sich den Kräften der Unterdrückung im Hier und Jetzt entgegenzustellen. Das Entgegenstellen ist der Ausgangspunkt dafür, sich in die Zukunft zu bewegen.

    Die Zukunft zeichnet sich nicht unbedingt ab, in einem übergreifenden Makro-Sinn: Keine Brave New World. Was sichtbar wird, sind die neuen Praktiken und Organisationslogiken auf der Mesoebene, die aus den verschiedenen Handlungen, Strategien und Beziehungen bestehen, die sich in Richtung Zukunft bewegen.

    Anm. d. Red.: Die Fotos stammen von several seconds und stehen unter einer Creative Commons Lizenz. Der Autor des Textes sprach über das Konzept der re-kollektiven Passage auch bei der Auftatveranstaltung zum Berliner-Gazette-Jahresthema FRIENDLY FIRE. Das Video-Interview, das dabei enstand, können Sie sich hier anschauen. Eine ausführliche Beschreibung der Ideen findet sich in dem aktuellen Buch „Politics of Evasion“ (Hier als PDF verfügbar).


1 Kommentar zu Bruchstücke der Geschichte einsammeln: Wie soziale Bewegungen heute die Zukunft bauen können

  • André am 23.03.2017 12:57
    "Dieser Prozess der re-kollektiven Passage wird vermutlich von indigenen Völkern am intensivsten erlebt. Im Prozess der Re-Collection, des Wiederauffindens und Sich-sammelns jener, die unterdrückt worden sind, erkenne ich die re-kollektive Passage beziehungsweise den Wunsch, einen derart geschützten Weg gemeinschaftlich einzuschlagen."

    Konstituiert Indigene a priori als Unterdrückte. Das ist natürlich eine Frage der Perspektive. Die extrem spannende Frage ist, was an einem selbst "Indigen" sein mag, zumal es in Deutschland ja keiner Indianer gibt. Bin ich ein Indigener? Vielleicht schon. Vielleicht nicht. Meine Vorfahren im Mannesstamm kann ich bis ins 14 Jh zurückverfolgen und haben alle in den gleichen zwei-drei Dörfern gehaust. Die Sprachen meiner Vorfahren beherrsche ich nicht und sind im öffentlichen Diskurs allenfalls Gegenstand des Gespötts.

    Passagen: Ich denke an Deiche, Blickschutz, urbane Kleinstadträume, Schotte eines Schiffes. Strukturierung des "Raumes" in einer antitotalitären Weise, zur Minimierung von Risiken. Das Schott eine Schiffes macht es möglich das Leck zu "containen", ohne dass ein gesamtes Schiff in Not kommt. Der Deich wehrt als soziale Ma0nahme den Raum gegen Ausreißer des Meeres, nämlich eine Sturmflut. Der Blickschutz macht den Raum erst privat und lebenswert. Die verwinkelte Altstadt versetzt den Raum in Vielfalt und Ineffizienz in einer Art und Weise, die Lebens- und Aufenthaltsqualität schafft und totalitäre Übersicht verhindert.

    Der Nationalstaat ist einfach eine lustige Hütte, wie eine Altstadt, es ist aber nicht die einzige Hütte. Ich fände es nicht so nice mit dem Abriss- und Planierbagger zu kommen und an der Stelle nationalstaatlicher Ineffizienz und Kruditäten Hochhaussiedlungen, gerade autogerechte Straßenschneisen und Aufmarschplätze des Kapitals zu bauen.

    Der Indigene ist Projektionsfigur, weil man seiner eigenen Indigenität unsicher geworden ist. Das 20 Jh hat gezeigt wie gefährlich Identitätsschwäche, die überkompensiert wird, werden kann. Also beispielsweise ein aggressiver Nationalismus, in dem die Feindseligkeit im Außen entladen wird, um wieder eine Gemeinschaft zu konstituieren oder mit sonstigen sozialen Konstrukten Abgrenzungen vorgenommen werden, weil ein Bedürfnis nach Grenzen bedient werden muss, oder reale soziale Grenzen überspielt werden sollen, um die Gemeinschaft zu konstituieren.

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