• Brooklyn’s Finest

    Aus Brooklyn, New York, scheint eine ganze Menge guter Literatur zu kommen. Im Interview versucht der Dichter Ben Fama zu erklären, welche Bedeutung die Poeten-Szene des Bezirks für den Rest der Welt hat.

    Seit Whitman hier gelebt und gearbeitet hat, ist Brooklyn ein wichtiger Ort für die Literatur der USA. Doch welchen Stellenwert hat der Bezirk in der Weltliteratur?

    Whitman schrieb zu einer Zeit, als sich jeder nur auf die Gewalt und die Ungerechtigkeit konzentrierte, die die unterschiedlichen sozialen Gruppen der Stadt einander antaten. Aber er war ein offener Mensch, der diesen Zynismus ablehnte. Hinter der Gewalt hat er eine Stadt voller Freuden und Genüsse gesehen, vermutlich weil er in all die unterschiedlichen Menschenschläge verliebt war, denen man begegnen konnte (und immer noch kann).

    Im Moment ist es schwer zu sagen, wie Brooklyn die Weltliteratur beeinflusst. Ich glaube trotzdem, dass es immer noch der beste Ort im Land für einen Schriftsteller ist. Von daher ist es der wichtigste Ort für die US-amerikanische Literatur. Und die wiederum beeinflusst viel von dem, was sonst noch entsteht. Von daher: Brooklyn rules! Aber wir lassen uns auch von anderen Orten beeinflussen, von Berlin etwa oder den osteuropäischen Staaten.

    Um die aufregendsten Sachen zu finden, sehe ich mich immer ein wenig außerhalb von NYC um. Ein paar meiner Nachbarn zum Beispiel, Christian Hawkey und Uljana Wolf, pendeln zwischen Brooklyn und Berlin. Über Uljana wurde schon in der Chicago Review geschrieben – dort war sie Teil eines Porfolios von Berliner Dichtern. Mein Lieblingsdichter, Tomaz Salamun, ist Slowene. Gegenüber Ashbery würde ich ihm sofort den Vorzug geben.

    Deine Arbeit wurde mit der von Frank O’Hara verglichen. Er hat viel Material, so scheint es, aus seiner Umgebung, der Landschaft und ihren Menschen, geschöpft. Hast du das Gefühl, dass dein neues Buch „Aquarius Rising“ eher von abstrakten Dingen oder von der Stadt um dich herum beeinflusst ist?

    Ich erinnere mich daran, mal gelesen zu haben, dass die meisten Autoren ihre eigenen Arbeiten nicht lesen. Da wurde ich nervös und habe versucht, das zu tun. Mir ist klargeworden, dass die wichtigsten Einflüsse aus den engen Freundschaften und Beziehungen kommen, von denen ich ein Teil bin. Wir versuchen alle, etwas aus der Gegenwart zu ziehen.

    Was ich damit sagen möchte: Es gibt einfach Dinge, die einen beeinflussen, ob man das akzeptiert oder nicht. Dieser Gedanke ist für mich die Quelle meiner Vorstellungskraft, um zu verstehen, wie ich die Dinge sehe. Skeptiker sind der Meinung, dass es so viele Widersprüche in der Welt gibt, dass sie nichts bedeuten. Mystiker glauben, dass es so viel gibt, irgendetwas davon muss wahr sein. Ich habe am meisten Spaß, wenn ich mit diesen Dingen einfach ein bisschen rumspielen und rumsauen kann. Meine Einflüsse sind private Wünsche und meine Gedichte drücken unausweichlich kollektive Anliegen aus.

    Und zu Frank O’Hara: Ich fand immer, dass man von ihm am besten lernen kann, wie man ein Gedicht schreibt, ohne es zu ernst zu nehmen. Auch, wenn das Gedicht selbst thematisch ernst ist. Ich glaube auch, dass die Leute, wenn sie über die „New York School“ sprechen, eigentlich nur Frank O’Hara meinen. Er ist vor 44 Jahren gestorben, dabei ist er nur 40 geworden.

    Eine deiner Zeilen stach für mich heraus, „Try doing something beautiful / it’s like wrestling yourself out of an executive headlock“. Empfindest du deine Arbeit als schön, und falls ja, wovon musstest du dich befreien?

    Von den Einflüssen der Vergangenheit, und den Grenzen meiner eigenen Vorstellungskraft. Immer wenn ich etwas Neues in einem Gedicht ausprobiere, habe ich das Gefühl, mich aus einem Schwitzkasten befreien zu müssen.

    Dein Buch ist jetzt von Ugly Duckling Presse veröffentlicht worden. Der Verlag wendet auch viel Energie für die Verbreitung und Übersetzung von Dichtern aus dem Ausland auf. Sind diese Übersetzungen für dich persönlich wertvoll, und wünschst du dir, dass andernorts deine Arbeit mit genausoviel Achtung behandelt wird?

    Zwei meiner Lieblingsbücher aus dem Verlag sind Marina Temkinas „What Do You Want“ und „Poker“, von Tomaz Salamun. Beide noch erhältlich. Beide Bücher haben mich geprägt, wenn es um die Architektur und den Vibe eines Gedichts geht. Ihre Übersetzung der „Russian Version“ von Elena Fanailova hat einen großen Preis gewonnen. Genya Turovskaya, eine der besten und wichtigsten Dichterinnen der Gegenwart, hat an der Übersetzung mitgearbeit. Sie ist eine der Herausgeber der „Eastern European Poets“-Reihe, zusammen mit Matvei Yankelevich, der quasi das Gedicht des Verlags ist. Und auch ein ganz guter Dichter. Sollte meine Arbeit jemals mit der gleichen Sorgtfalt behandelt werden, mit der dieses Team sich um Übersetzungen kümmert, könnte es ihr nicht besser ergehen.

    Hast du noch Hinweise an alle, die selber übersetzen oder einfach Neues entdecken wollen?

    Einfach alle Lieblingsdichter ohne Gnade auf Facebook nerven, auch wenn man sie nicht kennt. Irgendwann reagieren sie schon.

    Anm. d. Red.: Ben Fama ist der Autor des Bandes „Aquarius Rising“ (Ugly Duckling Presse, 2010) und Ko-Autor des Bandes „Girl Boy Girl Boy“ (Correspondences, 2010). Er ist der Gründer der Lyrik-Edition und des Magazins „Supermachine Reading“, ansässig in Brooklyn. Seine Arbeiten sind unter anderem in GlitterPony, Pank! und No Dear Magazine erschienen.


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