• Brief an Berlin: Vor 75 Jahren sind wir in den Krieg gezogen, und was machen wir heute?

    Viele EuropäerInnen glauben nach wie vor, das ihnen im Zuge der rechtspopulistischen Wende nichts passieren wird. Kurz vor der ersten wichtigen Wahl in Europa, der Präsidentschaftswahl in Frankreich am 23. April, ein gefährlicher Irrglaube. Es ist an der Zeit, sich solidarisch zu zeigen und gemeinsam zu kämpfen gegen die Populisten und Rassisten. Unter dem Eindruck der Trump-Präsidentschaft wendet sich der New Yorker Künstler Noah Fischer mit einem aufrüttelnden Brief an Berlin.

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    Liebes Berlin, vor nicht allzu langer Zeit hast du „Lasst sie herein!“ gerufen und Deine Arme den Schutz suchenden Geflüchteten entgegen gestreckt. Du standst da wie Lady Liberty, als wärst Du das Amerika Europas! Dann jedoch verdunkelte sich der Himmel und Angst kam auf. Auch hier in New York kauen wir nun angstvoll an den Nägeln während wir dabei zusehen, wie eine faschistische Zukunft auf uns zurollt. Berlin, wir brauchen Deine Solidarität.

    Denn wir wissen jetzt: Aus dem Neoliberalismus entsteht Faschismus. Diese Wahl hat uns gezeigt, was am amerikanischen Traum faul ist. Obwohl er schon immer auf Versklavung und Völkermord, auf Schulden und Waffen, auf Starbucks Kaffee und zerstörerischem Konsum fußte, so umgab ihn doch immer noch ein Zauber, der stark genug war, um unseren ganzen Scheiß zusammenzuhalten. Als dieser Zauber sich nun jedoch in Luft auflöste, schwebten die weißen Geister des Ku-Klux-Klans (KKK) sofort wieder ins Zentrum des nationalen Geschehens. Durch diese Erschütterung zerfiel die Linke schnell in unterschiedliche Lager.

    Wir erleben jetzt ganz offiziellen Rassismus, das Gepolter eines Demagogen und seine Unfähigkeit, einen anständigen Diskurs zu führen. Wir nähern uns also, kurz gesagt, dem Stadium zahlreicher gescheiterter Staaten, die es auf der Welt überall gibt … nur, dass wir sehr viel besser bewaffnet sind! Es ist also ein wirklich gefährlicher Moment, gleichzeitig aber auch eine Chance.

    Wir brauchen eure Hilfe

    Jetzt, wo der Traum eines liberalen Globalismus durch die Wirklichkeit eines hässlichen rassistischen Kapitalismus ersetzt worden ist, müssen wir endlich aufwachen und in der transnationalen Solidarität unsere einzige Hoffnung erkennen. Vor 75 Jahren sind wir in den Krieg gezogen, um zu verhindern, dass unsere Kinder Deutsch lernen müssen. Nun aber brauchen wir Eure Hilfe, um neue Ideen zu entwickeln, um miteinander zu sprechen und uns zu organisieren.

    Berlin, bitte kommen … hier spricht Houston …. wir haben ein RIESIGES Problem! Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Trumps Berater, wenngleich sie es mit der Wahrheit oft nicht sehr genau nehmen, sich doch auf ein Bild Amerikas berufen, das nicht so leicht von der Hand zu weisen ist. Sie beziehen sich auf eine Ideologie weißer Vorherrschaft, die viel mit der Erkenntnis zu tun hat, dass schon die Gründerväter der USA weiße Sklavenhalter waren. Diese Ideologie wurde weder aus Europa importiert noch ist sie nicht wirklich authentisch amerikanisch. Hier wurde vielmehr etwas ausgegraben, das schon lange unter der Oberfläche des Landes lag und es verrotten ließ.

    Es handelt sich um die Erfindung einer Rassentheorie, die einst genutzt wurde, um die weiße Arbeiterklasse von der Gruppe der Afro-AmerikanerInnen abzuspalten. Diese Theorie legte schließlich den wirtschaftlichen Grundpfeiler der Vereinigten Staaten. Diese lange unter der Oberfläche verborgene Fäulnis hat jetzt zum kompletten Kollaps der Identitäts- und Wirtschaftspolitik im Lager der Linken geführt. Die Wunden, die durch die Gewalt der Versklavung und ihre sozialen und ökonomischen Konsequenzen entstanden sind, wurden nie geheilt – Reparationen wurden nie gezahlt. Und so hat sich ein Monster immer tiefer in unser Land gefressen, bis es auch die weiße Mittelschicht erreicht hat.

    Berlin, du kennst dich mit Wachsamkeit aus!

    Dieses Monster riss die ganze Nation in unbezahlbare Schulden. Auch aus diesem Grund wurden wir in den vergangenen zwei Wochen immer wieder mit Formulierungen konfrontiert, die uns erstarren ließen, weil sie mit einer vergifteten Rhetorik gespickt sind, die sich gegen bestimmte soziale Gruppen wendet, während Trump nur daneben steht und immer mächtiger wird. Und genau deshalb sind wir jetzt richtig am Arsch!

    Berlin, auch Dir steht es nicht zu über ethnisch begründete Ungerechtigkeit zu sprechen. Auch in Deinem Kern verwest ein fauliger Kadaver. Auch Du bist richtig im Arsch. Aber Du kennst Dich mit Wachsamkeit aus. Du hast Adorno. Du hast Brecht. Du hast Kunst, die aus dem Bewusstsein heraus entstanden ist, dass Faschismus mehr ist als ein in den Netzwerken der sozialen Medien kursierendes Wort. Dass Faschismus zu einer Realität werden kann, die bei ganzen Generationen von Menschen tiefe Narben hinterlässt.

    Wir müssen unsere politische Sprache zu neuem Leben erwecken, so dass sie diesen verwesenden Kadaver mit einbezieht, ohne ihn jedoch als Zombie wieder auferstehen zu lassen. Wir brauchen einen nahrhaften Boden, der mehr aushält als 140 Zeichen. Nur so können wir unser Denken neu ausrichten und unsere Horizonte neu bestimmen. Die Kunst macht den Anfang.

    Die vergangen Wochen haben vor allem gezeigt, dass KünstlerInnen für Trump und sein Gefolge eine Gefahr darstellen. Es war sicher kein Zufall, dass die Alt-right Bewegung noch am Wahlabend ein Meme in Umlauf brachte, welches die Performancekünstlerin Marina Abramovich der Teufelsanbetung bezichtigte (#spiritcooking). Und letzte Woche erst nutzte die Besetzung des Broadwaystücks „Hamilton“ ihre Bühne, um politisch Stellung zu beziehen.

    Brandon Victor Dixon (der in der Figur des Aaron Burr den Gründungsvater der Wall Street, Alexander Hamilton, erschießt) wandte sich in seiner Rede gegen den sich im Zuschauerraum befindlichen, neu gewählten Vizepräsidenten. Er stellte sich somit einer wahrhaftig dramatischen Herausforderung. Im Gegenzug meldete sich Trump persönlich per Twitter zu Wort, wo er verlauten ließ, dass „das Theater immer ein besonderer und sicherer Ort sein muss …. Entschuldige Dich!“

    Was wohl wirklich so viel hieß wie: Solange Du frei bist, wirst Du wohl nie wirklich sicher sein. Oder auch: Das „Besondere“ deiner Branche ist ganz und gar abhängig davon, dass Du im richtigen Moment die Fresse hältst.

    Freunde, das ist nicht weniger als eine Kriegserklärung!

    Obwohl „Hamilton“ ein vom Hip Hop inspiriertes Musical ist, in dem es um die weißen Gründerväter geht, ist es ausschließlich mit schwarzen und latino SchaupielerInnen besetzt. So verkörpert es nicht nur Amerika, sondern auch das amerikanische Theater. Das wiederum heißt aber nicht, dass sich die Kriegserklärung nur an uns hier drüben in den USA richtet. Denn die Aufforderung,
    die Fresse zu halten, ist momentan überall auf der Erde zu hören, in Russland tönt sie genau so laut und deutlich wie in Polen und Indien.

    Es kann nur eine Antwort geben: Eine gemeinsame Vorbereitung darauf, sich dem Kampf anzuschließen. Das Theater selbst wird zu unserem Trainingslager. Denn wenn wir Victor Dixon nur genau genug dabei beobachten, wie er protestiert und sich auflehnt, dann erkennen wir in den fließenden Bewegungen und der kraftvollen Sprechweise des Schauspielers auch die des Kämpfers. Und wenn wir auf die Straße gehen, um zu protestieren, so werden wir feststellen, dass die dort versammelte, neu bemächtigte Stimme der Öffentlichkeit auch auf die Bühne gehört.

    Es ist sogar so, dass man gerade durch die so entstehende persönliche Beziehung zu einer besonderen, intuitiven Schönheit den Kampf aufrecht erhalten kann. Erst wenn wir die innere Logik und die Zeitlichkeit der Kunst verstehen, können wir uns gegen die Mächtigen wehren und ihnen unsere Wahrheit entgegenstellen, auch lange nachdem der Vorhang fällt. Indem wir uns diesem künstlerischen Experiment voll verschreiben, gewinnen wir die Möglichkeit, wirklich etwas zu wagen.

    Hier in New York ist es an der Zeit, mit dem Planen zu beginnen. Es geht um viel, und deshalb müssen wir auch viel riskieren. Wenn wir das nicht tun, werden wir mit Sicherheit viel verlieren. Oder, um es genauer zu sagen, würden wir so den 1% alles überlassen und unseren Kameraden nichts mehr anbieten können. Das Überleben unserer Kameraden hängt also von uns und unseren Plänen ab.

    Berlin, wir können nicht länger einfach annehmen, dass uns und unseren Freunden „schon nichts passieren wird“. Die Geschichte hat uns zu viel über die Anhäufung von Macht und ihr Vertrauen auf die Verschwiegenheit der Privilegierten gelehrt. Auch wissen wir bereits zu viel über unsere gemeinsam vorangetriebene Arbeit der Emanzipation. Unsere Identitäten haben sich schon so stark vermischt: Wir sind beide in Amerika. Wir sind beide in Deutschland. Lasst uns nun Seite an Seite kämpfen.

    Anm. d. Red.: Die Fotos wurden in Berlin aufgenommen und stammen von Krystian Woznicki, sie stehen unter Creative-Commons-Lizenz. Der Brief wurde im Kontext der Theaterproduktion Not my revolution, if…: Die Geschichten der Angie O. von andcompany&Co. verfasst.


3 Kommentare zu Brief an Berlin: Vor 75 Jahren sind wir in den Krieg gezogen, und was machen wir heute?

  • André am 20.04.2017 14:35
    "Obwohl er schon immer auf Versklavung und Völkermord, auf Schulden und Waffen, auf Starbucks Kaffee und zerstörerischem Konsum fußte..."

    Völkermord und Starbucks in einer Aufzählung. Da hätte ich beinahe den Kaffee verschüttet...
  • Fairerweise muss man dazu sagen: das liegt am Kontext des Stückes - dabei ging es um Starbucks als wanna-be-NGO.
  • "Völkermord und Starbucks in einer Aufzählung. Da hätte ich beinahe den Kaffee verschüttet... "

    Ja. Wenn Dich solche Zusammenhänge überfordern, guck' doch KiKa. Manche wollen einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Kaffeehausperspektive ist auch bequemer. Es sind immer die anderen. Zusammenhänge? Nö, ich seh' keine.

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