• Tiefer als Tweets: Die Bostonbomber und das Klischee des post-migrantischen Digital Natives

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    Jungs, die jeder aus der eigenen Nachbarschaft zu kennen glaubt, haben einen wüsten Terroranschlag auf den Boston-Marathon verübt. Nach dem Schock sollten wir nun fragen, was daraus zu lernen ist. Der Schriftsteller und Berliner Gazette-Autor George Blecher wählt eine US-Perspektive und zeigt, warum der Fall das Klischee des post-migrantischen Digital Natives erschüttert.

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    Der Großteil der polizeilichen Maßnahmen nach den Anschlägen auf den Boston-Marathon folgte einem bekannten Szenario und beinhaltete Dinge, die uns vor ein paar Jahrzehnten hätten erschaudern lassen: Kameras, institutionelle und private, die jede Bewegung von uns aufnehmen; Polizei und andere Autoritäten, die eine Großstadt innerhalb von Minuten buchstäblich herunterfahren; eklatante Wissenslücken, die nie gefüllt werden, weil neue Ereignisse Raum in den Medien einnehmen und Möglichkeiten für Nuancen und Details eliminieren: Was ist mit dieser dritten Bombe? Was ist mit dieser selbstverschuldeten Wunde des kleinen Bruders, als er sich im Boot versteckte?

    Zu sagen, dass wir stumpf geworden sind und Terrorattentate uns mittlerweile langweilen, wird nicht wirklich der Komplexität unserer Gefühle gerecht. Seit dem Kennedy-Attentat und 9/11 hat das Fernsehen ein Schema entwickelt, über nationale Verbrecherjagden zu berichten – Erklärungen abgebende Chefs und Verantwortliche, blitzschnelle Übergänge, unterbrochene Interviews und Updates, endlose Wiederholung von Filmmaterial etc. Das Schema ist so selbstherrlich geworden, dass die Berichterstattung inzwischen pornografisch anmutet. Wir bleiben am Fernseher kleben, nicht nur, weil wir interessiert sind, sondern weil der Ruf der Berichterstattung selbst uns high werden lässt und uns einen Adrenalinstoß verpasst.

    Unerwartete Gefühlswellen

    Für mich war der interessanteste Aspekt der Anschläge auf den Boston-Marathon jener Teil, der über dieses Schema hinausging und darin mündete, was Peter Handke einmal die „Stunde der wahren Empfindung“ nannte – die Sympathie/Empathie für Dzhokhar, den überlebenden Tsarnaev-Bruder. Ich schätze, dass das nicht in der europäischen Berichterstattung vorkam, aber auf eine bestimmte Art und Weise war es ein bemerkenswerter und unerwarteter Bruch mit dem herkömmlichen Schema.

    Die erste Gefühlswelle ging von Dzhokhars Schul- und Studenten-FreundInnen aus, deren Zuneigung zu ihm komplett authentisch wirkte. Sie beschrieben ihn als einen guten Freund, eine soziale Person, die an all ihren Aktivitäten teilnahm; ein Freund verwendete das Wort „angeblich“, um zu unterstreichen, dass er unschuldig war, bis seine Schuld bewiesen wurde. Die Medien stürzten sich auf Dzhokhars Tweets, die salopp, entspannt und witzig waren, und das Publikum wurde noch verwirrter: Wie konnte dieser so amerikanische junge Mann so anti-amerikanisch sein?

    Fotos von Dzhokhar folgten. Er war nur ein Kind! Er sah aus wie 12, nicht 19! Jeder kannte jemanden wie ihn – einen süßen Jungen, der Dope rauchte, scherzte und charmant genug war, Tränen in die Augen von Mädchen und Jungen zu bringen.

    Als die Verbrecherjagd ernsthaft begann, kam es zu einer zweiten Sympathierunde. Ein klassischer US-amerikanischer Mythos spielte sich direkt vor unseren Augen ab – der einsame, flüchtende Cowboy, von Behörden gejagt, die Schlinge um seinen Hals, die jede Stunde enger gezogen wird. Als der Fokus der Geschichte zu dem schwierigen älteren Bruder Tamerlan und der bösen Mutter verschoben wurde, gewann Dzhokhar unsere Sympathie auch noch auf andere Weise; jetzt wurde er von vielen als das unschuldige Opfer von Familienproblemen gesehen. Teilweise wollten wir so sehr daran glauben, dass er es nicht wirklich so meinte, und dass seine kindliche Loyalität sogar bewundernswert war.

    Auf der digitalen Tom-Sawyer-Route

    Während ich diesen Text schreibe, ist der Strom von Nachrichten merklos versandet. Andere, grausamere Verbrechen drängen die Anschläge auf den Bostoner Marathon aus unserem Bewusstsein. Trotz allem wirft dieser Vorfall ein Licht auf eine sentimentale Ader im US-amerikanischen Charakter, die für EuropäerInnen naiv oder berührend erscheinen mag, je nachdem, wie man im Augenblick über die USA denkt.

    Taten wie diese von Dzhokhar Tsarnaev verwirren US-AmerikanerInnen sehr. Schließlich passte Dzhokhar hinein, er wurde einer von uns. Von seinem Engagement im Schulsport bis zu seinem iPhone und seinen Tweets verfolgte er einen Pfad, der ihn dazu führen sollte, ein idealer US-Amerikaner zu werden. Dieser Digital Native ging entlang der Tom-Sawyer-Route: das rebellische Kind, das schließlich ein Pfeiler der Gesellschaft wird. Wie also konnte er uns betrügen? Wie konnte er so unloyal sein?

    Was wir wirklich von den Anschlägen auf den Bostoner Marathon lernen können, ist, dass mehrere alte Loyalitäten in diesem jungen Mann aufgewühlt wurden, und dass sie ihn um einiges tiefer berührten, als iPhones und Tweets möglicherweise reichen können. In einem Land, in dem die BürgerInnen oft ablehnen zu sehen, dass sie kettenweise Verbindungen zurück in die Urgeschichte haben, zeigt dieses Ereignis, dass Dzhokhar unvermeidlich mit Familie und Clan verbunden war. Und es zeigt, dass es immer Fiktion war zu glauben, dass jemand automatisch in der Mitte der Gesellschaft aufgeht – nur weil er oder sie US-AmerikanerIn geworden ist und sich als Digital Native zu erkennen gibt.

    Anm.d.Red.: Mehr zum Thema in unserem Dossier Digital Natives. Der Beitrag wurde von Martina Dietz aus dem Englischen übersetzt. Das Aufmacherbild stammt von Benjamin Breitkopf und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


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