• Blumen im Haar

    Kann jede Stadt ihr eigenes Gesicht haben? Wie saehe dann jenes von San Francisco aus? Ich stieg in den Flieger mit vagen Vorstellungen von Golden Gate Bridge, Blumen im Haar und bebender Erde. Ausserdem hatte ich noch die Ratschlaege im Gepaeck: so europaeisch kriegst du’s nie mehr in den Staaten, auf keinen Fall die Oper verpassen, shoppen gehen!

    Ich fuehlte mich wie in Klasse acht beim Thema DDR: die Einzelaspekte wollen sich einfach nicht zum Gesamtbild fuegen. Oma, Opa, Eltern, Unterricht: jeder erzaehlt etwas anderes und ich fuehle mich jeder Urteilsgewalt entzogen.

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    Ein Trost: Wenn ich aus San Francisco wiederkomme, werde allein ich die Autoritaet besitzen. Unangefochten. Auf dem Touriparkplatz stehend und auf die Golden Gate zurueck- blickend kann ich alle Irrungen ausblenden: auf dem grauen Ruecken des Ungetuems schieben sich die Autos in den Schlund der Stadt. San Francisco ist nun nicht mehr als ein gezackter, weisser Horizont der mir seine orangefarbene Zunge entgegenstreckt. Die Residenz des Buergermeisters Gavin Newsom in der Cityhall wird jeden Besucher mit gehoeriger Ehrfurcht entlassen: auf dickem, rubinrotem Teppich thronen vier schwere Schreibtische unter Kronleuchtern an eichenholzvertaefelten Waenden.

    Der Blick durch das Panoramafenster auf die Stadt wird von einer aufwaendig genaehten amerikanischen Flagge eingefangen. Am Washingtonsquare in North Beach hebt sich das saftige Gruen des Rasens wohltuend gegen das blendende Weiss der Saint Peter and Paul Church ab. Die Obdachlosen auf dem Gras sind bunte, von Sonnenstrahlen beschienene Punkte. Mir faellt meine Oma ein. Sie wuerde sagen, dass es Obdachlose in der DDR nicht gegeben haette. San Francisco ist eine Erfahrung geworden. Das mir Erzaehlte wird zu meinen Erzaehlungen von Zugtickets, Coffee Shop-Rechnungen und Erdnussbutterschokolade.


1 Kommentar zu Blumen im Haar

  • [...] Stanford. Unser Kontakt hält bis heute. Mindestens einmal pro Jahr besuchte ich meine Freunde in Kalifornien, begann auf Englisch zu fluchen und zu träumen. Seminare zur US-Gesellschaft nach 9/11 waren keine [...]

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