• Blackberry Riots: Das dubiose Wirtschaftswachstum Großbritanniens und die Dialektik des Smartphones

    Im August 2011 erschütterten Unruhen London und ganz Großbritannien – die „Blackberry Riots“ waren in aller Munde. Ein Jahr danach blickt der Kulturtheoretiker Anthony Iles zurück und analysiert die Macht vernetzter Kommunikation im Kontext des Wirtschaftswachstums in seinem Land.

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    Seit Thatchers Amtszeit durchlebt Großbritannien eine Vermögenskürzung, die sich unter den Regierungen von Blair und Brown noch verstärkt hat. Es wird deutlich: Der Staat muss dem Kapital helfen, wieder auf die Beine zu kommen – aber es gibt nicht mehr viel Vermögen zum Kürzen. Das Universitätssystem sollte als Nächstes dran sein. Aber wir glauben, dass das weder der Wirtschaftsmotor sein wird, den sich die Regierung verspricht, noch einen Grundpfeiler für soziale Reproduktion von Wirtschaftsinteressen darstellen kann – dafür bringt es zu viele soziale Unruhen mit sich.

    Unter Thatcher wurde das industrielle Proletariat mehr oder weniger beseitigt: Willkommen in der post-industriellen Wissensgesellschaft! Neu hierbei sind die unvorhersagbaren Effekte der Destabilisierung von Kapital und Staat. Ein Symptom dafür wäre der „Digital Economy Act“. Dieses Gesetz soll geistiges Eigentum zu Geld machen. Es wendet sich einerseits gegen die Interessen sozialer Unternehmer, die Open Source und frei zugängliche Daten wollen. Andererseits steht es den Interessen der Entertainmentbranche entgegen, die ihr Eigentum wegschließen und es nur gegen Mietgebühr herausgeben will.

    Die inzwischen eingeschlafene Rede von der “Kreativwirtschaft” läuft auf eine Fetischisierung des Digitalen hinaus, die die Vorherrschaft der Finanzmärkte als Wachstumsträger untermauert. Wir haben in den vergangenen vier Jahren gesehen, welche fragwürdige Art von „Wachstum“ das mit sich bringt: Der momentane Wachstumsmarkt für Großbritanniens soziale Unternehmer lebt davon, Zuschläge für Regierungsverträge im Zuge der Reformen von Sozialhilfe, Gefängnissen, Müll- und Krankenhausmanagement zu bekommen.

    Das Problem ist weder “lokal” noch “national”

    Dieses Problem ist weder rein “lokal” noch rein “national” – das Gleiche gilt für die Lösungsversuche. Der Druck, unter dem die britische Bevölkerung steht, und die Wahlmöglichkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, stellen das Ergebnis eines Netzes aus Kräften dar, das auch auf Griechenland, Portugal, Irland, Ägypten, Tunesien und China wirkt.

    Es zirkulieren Bemühungen zwischen diesen Orten. Sie treten eher auf der Ebene von Mimikry und Echo hervor, als dass man sie explizit “Solidarität” nennen könnte. Aber wahrscheinlich macht genau das ihre Spontaneität und Kraft aus, die durch vernetzte Kommunikation noch potenziert wird. Bis die kämpfenden Bewegungen in diesen Ländern die nationalen Grenzen überschreiten, sind sie an die Grenzen des Moments gebunden und dessen Widersprüche bleiben bestehen.

    Zwischen Establishment und Medienunternehmern kriselt es

    Aber zurück zu Großbritannien: Wie tief die Krise hier zu Lande greift, zeigt auch ein Blick auf den Mediensektor, die vierte Macht. Die Enthüllungen darüber, dass Angestellte von News of the World “Telefone gehackt” haben, konnten einige undurchsichtige, teils kriminelle Praktiken der Presse aufdecken. Das hat zu einer Krise in der Beziehung zwischen Vertretern des Britischen Establishments und den Eigentümern von Medienunternehmen, ganz besonders Rupert Murdoch, geführt. Sowohl Blair als auch Cameron haben sich auf Berater verlassen, die ehemals in Murdochs Imperium angestellt waren.

    Die Aufmerksamkeitsökonomie, der sich alte und neue Medien verschrieben haben, ist durch die Verbreitung freier, sozialer und digitaler Medien noch stärker geworden. Beide halten jedoch die perverse Logik von übermäßiger Exposition und Anti-Autoritarismus am Leben – trotz der zentralisierten Eignerschaft der Kanäle, die sie durchlaufen. Dieser geschlossene Kreislauf der öffentlichen Rede und politischen Repräsentation hat den öffentlichen Raum in Großbritannien seit den späten 1970ern geprägt. Er machte einerseits Jagd auf anti-autoritäre Strömungen, schien aber gleichzeitig von ihnen und einem Hunger auf Opfertiere getrieben zu sein – einem Hunger, der tief im öffentlichen Bewusstsein verwurzelt ist.

    Diese Expositionsorgie lässt sich auf die Welle der Privatisierung, Deregulierung und Entflechtung von Gewerkschaften zurückführen, die von Thatcher initiiert und mit Rupert Murdochs Unterstützung ausgeführt wurde. Sie erreichte ihren Gipfel im Juli 2011 und bekam kurz darauf im August eine erbitterte Antwort von den Straßen – im Zuge der so genannten Blackberry Riots.

    Digitale Medien können mobilisieren – in jede Richtung

    Handys, Smartphones und andere technische Geräte sind auf eine sehr materielle Weise politisch: Die Gewinnung von Coltan und anderen seltenen Metallen, die für ihre Produktion benötigt werden, sind Auslöser für Kriege, Massaker und Vertreibungen in der Demokratischen Republik Kongo und anderorts. Das wurde im Dezember wieder deutlich, als Londoner mit kongolesischer Abstammung gegen die Wiederwahl von Kabila demonstrierten und versuchten, einen Flagship-Laden von Apple in der Regents Straße zu schließen.

    Digitale Netzwerke unterstützen politische Gemeinschaften verschiedener sozialer Schichten, sie können Grenzen rekonfiguieren und untermauern. Auf der Ebene von Standardisierungen und Protokollen sind sie inkompatibel – so wie auf der anderen Seite die regierende Schicht nicht begreift, dass Sprache ein entscheidender Teil derer ist, die sie zu beherrschen glaubt.

    Während der Aufstände im August vergangenen Jahes wurden Smartphones und Mobiltelefone als Mittel zur Organisation und Mobilisierung der Aufständischen genutzt. Gleichzeitig hat der soziale Unternehmer Dan Thompson mit dem Twitter-Hashtag #riotcleanup einen PR-Stunt für den konservativen Bürgermeister Boris Johnson organisiert, der zum moralischen Rückschlag wurde: Freiwillige säuberten die Straßen von Clapham und sollten damit zeigen, dass zumindest ein bürgerliches Gebiet wieder unter Kontrolle ihrer „rechtmäßigen Besitzer“ war.

    Dank digitaler Medien besteht für Geheimdienste die Möglichkeit der schnellen Informationsgenerierung und -bündelung, der Überwachung und Beobachtung. Digitale Sortierung von Netzwerken vereinfacht diesen Prozess. Das Smartphone vereint die Dialektik neuer Möglichkeiten von Diskurs und Mobilisierung, aber auch der verstärkten Überwachung und Kontrolle. Die Blackberry Riots sind dafür beispielhaft. Sie sollten entsprechend erinnert und erforscht werden.

    Anm.d.Red.: Der Text entstand gemeinsam mit Rachel Baker. Die Bilder oben (1 & 2) wurden im August vergangenen Jahres in London aufgenommen. Sie stammen von joroach und stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.


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