• Bewegt Wasser Massen?

    Wasser ist Teil unserer Umgebung, auch im urbanen Raum. Doch nehmen wir die Flüsse, Seen und Tümpel überhaupt wahr? Im nachfolgenden Interview gibt Jörg Welke Antworten auf diese Frage. Er hat die Öffentlichkeitsarbeit bei dem Projekt Spree2011 koordiniert und ist heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Unabhängigen Institut für Umweltfragen“ tätig.

    Sie haben Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt Spree2011 gemacht. In welcher Weise erscheint Ihnen Berlin als eine Stadt mit einer besonderen Beziehung zu Wasser und zu dem, was wir als Wasserwelt bezeichnen?

    Wasser ist in Form von Wasserwegen zwar in vielen Teilen Berlin präsent (der gesamte Norden scheint davon weitgehend ausgenommen zu sein). Allerdings kommt es mir so vor, als ob dies keineswegs als Lebenswertsteigerung wahrgenommen wird. Was nicht weiter verwundert, denn: Bis auf die Strandbäder an Wann- und Müggelsee, die sich nur unter Inkaufnahme eines stabsmäßig geplanten Ausflugsszenarios erreichen lassen, ist in der Innenstadt kaum ein Herankommen an Flüsse und Kanäle möglich. Es sei denn, man mag sich mit Touristenhorden am Bundespressestrand tummeln oder sich in Kreuzberg-Friedrichshain in Hipsterbars gegenseitig auf die Füße treten.

    Also sind meines Erachtens nicht Affinität oder Aversion die entscheidenden Attribute des Themas „Wasser in Berlin“ sondern eher Indifferenz. Wasser in Berlin ist, glaube ich, kein Thema, das Massen bewegt.

    Wichtig für die Affinität zum Wasser in einer Stadt ist der öffentliche Zugang zum Ufer und vor allem zum Wasser selbst. Die Möglichkeit in der Münchner Isar zu baden, die Freibäder im Kopenhagener Hafen oder das für Viele tägliche Bad im Rhein in Basel zeigen, dass Menschen das Wasser nutzen und nicht nur wahrnehmen wollen.

    Das Badeschiff im Osthafen wirkt dagegen als zwar sehr nette und hübsche aber doch etwas trotzige Reaktion auf die umgebende Brühe. Deswegen gefällt mir der Ansatz von Spree2011 so gut, nicht einfach nur eine weitere kostengünstige wasserwirtschaftliche Maßnahme zu entwickeln und zu verkaufen, sondern für die Vision eines für alle zugänglichen und nutzbaren Badeflusses in der Hauptstadt zu kämpfen.

    Umweltkommunikation lebt in erster Linie von Bildern. Welche besonderen Herausforderungen sehen in diesem Zusammenhang für Texte?

    Das sind allerdings Herausforderungen. Denn entweder haben wir es mit „Niedlichkeiten“ (und damit häufig nicht ernst genommen) wie bedrohte Tiere oder mit Sauereien – wie Umweltkatastrophen – zu tun. Begehrte Erlebnis- und Konsumwelten lassen sich mit Natur-, Klima- und Ressourcenschutz oft nur schwierig darstellen. Ein ehemaliger Bundesminister reagierte auf meine Vorstellung der Spree2011-Module mit einem Glucksen und der Bemerkung „Hö, hö. Da sitze ich dann auf dem Sch…-Container und trinke meinen Latte Macchiato?“ Soviel zur Fäkalfantasie eines Regierungsmitglieds.

    Allerdings glaube ich doch, dass es uns mit Spree2011 ganz gut gelungen ist, eine innovative Umwelttechnologie mit dem Bild einer ökologischen Lebensstilverbesserung und gleichzeitig mit einem Schuss Hedonismus zu verbinden.

    Sie beschäftigen sich am Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) intensiv mit Öffentlichkeitsarbeit. Wie erleben Sie dieses Feld in Zeiten, da Öffentlichkeit mit Internet, mobilen Kommunikationswerkzeugen und anderen Technologien in enorm fragmentierter Weise hergestellt wird?

    Die Kommunikation des UfU läuft hauptsächlich über unseren Internetauftritt. Zusätzlich gibt es projektbezogene Homepages (z.B. hytrust.de) die sich entsprechend mit den Thematiken beschäftigen. Andere Kommunikationsmittel laufen sehr klassisch, wie die Pressemitteilung, Flyer oder Verschickungen an Schulen über den Postweg. Mailinglisten sind meist auf einen spezifischen Personenkreis beschränkt, so dass kaum von Massenmailings gesprochen werden kann. Wir sind keine klassische NGO, die große Kampagnen kommunizieren muss und entsprechende Mittel einsetzt.

    Im Prinzip ist es so, dass wir je nach Zielgruppe das geeignete Medium auswählen und unsere Inhalte maßgeschneidert vermitteln. Insofern kommt uns diese erwähnte Fragmentierung eher entgegen, als dass sie zum Hindernis würde.

    Publikationen, wie Broschüren für Lehrer, Handbücher, Mitgliederzeitschrift etc., liegen teilweise in gedruckter Form oder als Download vor. Mobile Informationsvermittlung wie Twitter, SMS o.Ä. sind für uns nicht relevant, da wir keine tagesaktuellen Entwicklungen kommentieren oder disseminieren.

    Mit ihrem Arbeitsprofil, Wissenschaft hier und Kommunikation da, erscheinen Sie wie ein Grenzgänger. Speziell auf Ihre Arbeit am UfU bezogen: Was kann der Wissenschaftler vom Kommunikationsexperten lernen und umgekehrt? 

    Der Kommunikationsexperte in mir hat vom Historiker zwei für Öffentlichkeitsarbeit unerlässliche Anforderungen mit auf den Weg bekommen: Akribie und Allgemeinbildung. Ersteres ist nötig, um mit dem Werkzeug Sprache adäquat und sicher umgehen zu können. Letztere lässt sich vielleicht noch differenzieren in 1.: Neugier für gesellschaftliche Zusammenhänge und 2.: die Kompetenz, sicher und gezielt Informationen zu beschaffen, zu filtern und auszuwerten.

    Der Wissenschaftler wiederum wird vom Kommunikationsexperten immer wieder gefragt, welche Relevanz sein Tun hat und vor allem, wie die wissenschaftlich gewonnene Erkenntnis sinnvoll und verständlich genutzt und verbreitet werden kann.


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