• Besatzer oder Befreier? Ostdeutschlands anderer Blick auf Russland

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    Russlands Außenpolitik spaltet die öffentliche Meinung – und es zeigt sich, dass das alte Ost-West-Denken nach wie vor Bestand hat. Waren die Russen am Sieg über Hitler und an der Wiedervereinigung beteiligt? Oder werden die Russen als Besatzer erinnert, obwohl die USA bis heute unzählige Militärbasen in Deutschland unterhält? Kulturphilosophin und Berliner Gazette-Autorin Yana Milev sondiert das kollektive Gedächtnis und legt Ostdeutschlands anderen Blick auf Russland frei.

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    Es mag für die westdeutschen Freunde befremdlich klingen, wenn die Kulturierung und Sozialisation zwischen 1945 und 1989 für viele Ossis den Russen näher war, als der westdeutschen Kapital- und Konsumkultur. Doch wie ein Protagonist aus dem Film „Vaterland“ des Berliner Dokumentarfilmers Thomas Heise treffend sagt: „Mir sind 10 Russen lieber als 1 Wessi“. Ein Satz, der die Fremdheit im eigenen Land ausdrückt.

    Auch der Leipziger Autor und Journalist Holger Witzel, als Hans Waal mit dem Buch „Die Nachhut“ bekannt geworden, ist mit seinem Buch „Schnauze Wessi. Pöbeleien aus einem besetzten Land“ nicht verlegen, den Finger auf die Wunde der Wendekränkungen zu halten.

    Warum Putin spaltet

    Bernd Ulrich gibt in seinem Artikel „Wie Putin spaltet“ einige nachvollziehbare Gründe an. So zum Beispiel schreibt Ulrich über die geringe Würdigung der Russen für ihren Teil an der Befreiung Deutschlands vom Hitlerregime.

    Tatsächlich ist es so, und hier möchte ich einwenden, dass sich im kulturellen Gedächtnis einer westdeutschen Bevölkerung 1. „der Ami“ als der Befreier eingeprägt hat und nicht „der Russe“, sowie 2. „der Russe“ als Besatzer moderiert wird, und nicht „der Ami“.

    Dementsprechend wurde der 8. Mai, der Tag der Befreiung, in der BRD nicht begangen (war er doch in der DDR ein Feiertag und in Russland bis heute). Der „Tag der Befreiung“ wurde medienpolitisch ignoriert oder verspottet.

    Dementsprechend ist auch die Tatsache über Deutschlands Vormarsch in den Osten, was als die „Schlacht von Stalingrad“ in die Geschichte eingegangen ist, als Wendepunkt des deutschen Reichskrieges und seiner Niederlage durch den Rückschlag der Roten Armee, eine eher verdrängte Peinlichkeit.

    USA bis heute eine Besatzungsmacht in Deutschland

    Trotzdem oder gerade deshalb gilt der Russe als Besatzer, gleichsam einer kollektiven psychologischen Spaltungsabwehr. Denn die Realität zeigt, dass „der Russe“ seinen Truppenabzug im ehemaligen Ostblock ab 1989 vollständig durchführte, während vice versa die US-Besatzungshoheit auf deutschem Boden bis heute ungebrochen ist und Deutschland sich darüber hinaus mit einigen Dutzend aktiven US-Militärbasen im weltweiten Ranking der US-Militärbesatzung an 1. Stelle, noch vor Südkorea und Afghanistan befindet.

    Eine ultimative Sonderstellung in der US-Besatzungsgeschichte spielt zweifelsohne Deutschland, wenn man darüber hinaus bedenkt, dass die US-Air Base Ramstein das größte Luftdrehkreuz der US-Streitkräfte außerhalb der USA ist und wenn man bedenkt, dass ebendort 130 Atombomben lagern. Diese Tatsache macht Deutschland nicht nur zu einer ganz gewöhnliche US-Kolonie, sondern zur strategisch wichtigsten US-Kolonie des alten Kalten Krieges und nunmehr des neuen Kalten Krieges.

    Die hierzu medialisierte historische Wahrnehmung der Westdeutschen wirkt auf die historische Wahrnehmung des „Ostemenschen“ befremdlich und verstörend, da sie sich zur Realität kontrovers verhält. Für diese Kontroverse steht u.a. die Performance der 1986 geborenen Neuköllner Bezirksverordneten der Piraten-Partei Anne Helm, die am 13. Februar 2014 ihren Busen nach Femen-Art mit dem Spruch „Thanks Bomber Harris“ bemalte und so, anlässlich des 69. Gedenktags an das alliierte Bombardement „Donnerschlag“ auf Dresden 1945, in Dresden-Altstadt protestierte und für Empörung sorgte.

    Ostdeutsche mussten zweimal eine Schuld absitzen

    Ein interessanter Punkt, den Bernd Ulrich aufwirft ist die Teilung Deutschlands als vermeintliche Konsequenz der Verschuldung von Auschwitz. Diese Schuld haben seiner Meinung nach die Ostdeutschen ausgesessen, aber nicht die Westdeutschen, womit er recht hat, denn blühte doch in den Zonen der westlichen Alliierten mit Hilfe von Marshallplan alsbald wieder die deutsche Industrie zum Wirtschaftswunder auf, während in der sowjetischen Besatzungszone Enteignung, Entnazifizierung und Volkswirtschaft auf der Tagesordnung stand.

    Es sollte ein anderes Gesellschaftsmodell realisiert werden, was im Grunde kein schlechter Plan war, der jedoch an der Rigidität und Unfähigkeit des Führungspersonals scheiterte. Damit scheiterte ein Engagement von mehreren Generationen die sich dem Antiimperialismus verpflichtet fühlten und dies war schließlich die tatsächliche Niederlage einer Ostdeutschlandpolitik, die erklärtermaßen die Auschwitz-Schuld mit einem gesellschaftlichen Gegenmodell reparieren wollte.

    Das gesellschaftliche Scheitern bedingte schließlich die Tatsache der post-kolonialen Übernahme der DDR-Gesellschaft, die Beseitigung der DDR-Verfassung und den Beitritt zum BRD-Grundgesetz. So wurden einige Millionen Wendeverlierer und Flüchtlinge produziert, die zum zweiten Mal eine „Schuld absitzen“ mussten – in Form von systematischen Wendekränkungen in den nächsten zwei Dekaden und das trotz Wendversprechen.

    Russlands Anteil an der Wende wird nicht gewürdigt

    Die Deutschen haben den Russen nicht nur die Kapitulation Hitlers durch die Einnahme der Reichshauptstadt Berlin zu verdanken, sondern auch die friedliche Wende, die Hoffnung auf Perestroika und Glasnost. Eben dieser Anteil „der Russen“ an der historischen Entwicklung Deutschlands wird tatsächlich nicht genug gewürdigt, sondern eher gering geschätzt, oder entwürdigt. Die Entwertung der Russen und Russlands, so wie sie sich dieser Tage in den Medien ausweitet, provoziert ein Deja vu mit der Entwertungsdynamik, die einige Millionen Deutsche ab 1989 erlebten.

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    Dass die Konsequenzen der 1990er Jahre jetzt erst spruchreif werden, und zu einem gespaltenen Meinungsland im Spiegel der Krim– und Ukraine-Krise beitragen, ist symptomatisch für eine verbrämte und gebrandmarkte kollektive Identität, die im eigenen Land und in einem Alltag, der von da an nur noch dem Kampf gegen Ressentiments und den Verdacht Ossi zu sein galt, verdrängt werde musste, quasi als Assimilationsmaßnahme. Warum sich dieser Tage der Meinungsgraben zwischen den Deutschen auftut hat auch mit dieser Geschichte zu tun, die in dem Artikel von Bernd Ulrich unberücksichtigt blieb.

    Wendewissen

    Wenn also die Medien neuerdings von „Putins Konfrontationskurs gegen den Westen“ schreiben, von Putin als Brandstifter und völkerrechtsbrüchigen Despoten, was sogar soweit geht, Russland aus der G8 auszuschließen und mit Sanktionen zu belegen, wenn man Verkehrungen und Verdrehungen liest, wie z.B. im Fall Snowden und im Fall einer gewaltsamen Homophobie Putins, im Fall der so genannten Krim-Annexion, oder im Fall der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine, gehen bei einigen Millionen Deutschen die Alarmglocken an.

    Bei genauer Recherche wird deutlich, dass die im Internet einsehbaren Redebeiträge von Putin stark zensiert und entstellt sind. Darüber hinaus ist man sprachlos, warum ausgerechnet die USA, die seit 1945 über 100 Angriffskriege weltweit geführt hat und noch führt, Russland Völkerrechtsbruch vorwirft und die EU, allen voran Deutschland diesen Trend verstärkt, als hätten Politiker und Journalisten keine Geschichtsbildung.

    Wir kennen diese Rhetorik und wir wissen, was dabei herauskommt, wenn im Namen von Demokratie und Demokratisierung, Friedensmission und anderen Versprechen Kahlschlag betrieben wird. Ulf Poschardt nennt diesen Kahlschlag „westliche Wertegroßmäuligkeit“.

    Wendegekränkt und wendegeprüft

    Das zunehmende mediale Russland-Bashing bewirkt jedenfalls ein kollektives Deja vu mit dem Missbrauch, der Entwertung und Verwertung von etwas, das man die „kulturelle Seele“ des Ostmenschen nennen kann, die im Prinzip nicht käuflich ist, die aber ab 1989 zur Selbstpreisgabe und Selbstaufgabe aufgefordert wurde – in einem Szenario ökonomisierter Wendepogrome, die den deutschen Medienmarkt in Hochform brachten.

    Wenn wir heute die Häme und Hetze gegen Russland lesen, sind wir uns einig: Die Konsequenz dieser Polemik hat Viele schon in den 1990er Jahren in Bedrängnis gebracht. Insofern sind wir nicht nur wendegekränkt, sondern auch wendegeprüft. Wenn seit dem 17.03.2014 erste Hunderte, mittlerweile Tausende zu den Montagsdemos ans Brandenburger Tor gehen, ist die Losung „Wir sind das Volk“ wieder ganz präsent.

    Wir können davon ausgehen, dass einige Millionen Deutsche gedanklich oder praktisch an die Montagsdemos und somit an das Wendewissen von 1989 anknüpfen. Das Nichteingelöste und darüber hinaus die kollektive Erinnerung an Enttäuschungen über Wendemissbrauch und Wendekränkungen formieren sich wieder vor dem Rückprospekt einer aktuellen Europa- und Deutschland-Politik, die so nicht hinzunehmen ist. Hier steht dann ein wendegeprüfter Bürger, der die Demokratie nutzt, um unmissverständlich bekannt zu geben, dass er auf Medienmuster und Medienrhetorik nicht noch einmal hereinzufallen bereit ist.

    Der Feind ist je nach Bedarf austauschbar

    Innerhalb der letzten 25 Jahre hat der Wendeossi dazu gelernt und das postpolitische Kriegstheater, in Kooperation mit Medienpropaganda und Innovationsmarketing erkannt. Er hat gelernt, dass der Feind je nach Bedarf flexibel definiert wird, dass nach dem Großfeind des Kommunismus und der Achse des Bösen, das Feindgeschäft mit dem Terrorismus auf der Agenda stand und hier der Irakkrieg, der Afghanistankrieg und der Libyenkrieg, an denen Deutschland sehr wohl beteiligt war.

    Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch war wohl einer der absurdesten Euphemismen. Man hat gelernt, dass ausgelagerte Kriege das Rüstungsgeschäft beleben und den gesamten Apparat amortisieren, dass die Enemy Targets gewechselt werden, je nachdem, wie das Rüstungsgeschäft lanciert wird: auf Enemy Target (ET) Hussein, folgte ET Bin Laden, auf ET Gaddafi, ET Assange, auf ET Mubarak, ET Polansky, ET Snowden, und so fort.

    Man hat gelernt dass die Heimatschutzindustrie (Department of Homeland Security, DHS) hegemonial kontrolliert und operiert, von daher auch die weltweiten US Militärbasen, NSA-Spy und Black Sites (Geheime Gefängnisse der CIA) verständlich zu sein haben.

    Kurz, der Wendeossi hat die Empirepolitiken von Banken und Industrie, im politischen Jargon camoufliert, erlernt. Er hat gelernt dass sich die Heimatschutzindustrie mit Patriot Acts legalisiert und im Verbund mit den Medienindustrien die Geschäftsidee der Enemy Targets nach dem Plot FFF (Fix Fin and Finish) florieren lässt, sowie dies im Namen von Frieden (Peacekeeping) und Demokratiedesign umsetzt.

    Ost-West-Denken noch nicht überwunden

    In der Galerie der ET’s seit den 00er Jahren steht aktuell ET Putin auf der Liste. Wir wissen, dass die Terroristenkarte die ultima ratio für ein US-Regime unter den Patriot Acts ist, die Legitimität, einen Antiterrorkrieg auch gegen Russland geltend zu machen oder zumindest Wladimir Putin zu jagen, wie Julian Assange, Edward Snowden, Bradley Manning, Bin Laden, oder Muammar al-Gaddafi.

    Sicherlich ist für die von Bernd Ulrich aufgeführte Generation der letzten 13 Jahre in Westdeutschland – deren Ansinnen er in den Abschnitten „Kriege und andere Kleinigkeiten“, sowie „Die Euro Maschine“ hervorhebt – aber eben auch für die Generationen, die die DDR überlebten und Neudeutsch lernen mussten, dieses Polit-Kino nicht mehr hinnehmbar, weil es den Krieg antreibt.

    Im Fazit bekommt der Verdacht, dass das Ost-West-Denken im Speziellen innerhalb der deutschen Grenzen noch nicht ausgestanden ist, ein neues Gewicht. Eine umfangreiche und unpopuläre Analyse über den neuen Kalten Krieg ist in dem Artikel „Der neue Kalte Krieg ist ein Krieg gegen die Menschenrechte“ zu lesen, aber auch im Interview zwischen Hansjörg Schultz und dem Genfer UNO-Experten Andreas Zumach auf Radio SRF zu hören. Es ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich Mehrheiten selbstständig um Aufklärung bemühen.

    Die kulturelle Seele des Ostmenschen

    Der hier vorgestellte „Ostmensch“ wird bestimmt nicht von allen Wendeossis bestätigt, gab es doch auch in der DDR die üblichen demographischen Gefälle und Schichtungen. Im geopolitischen Nordosten Ostdeutschlands und in den dortigen Großstädten ist der zivile Ungehorsam ausgeprägter als im geopolitischen Südwesten und in den dortigen Groß- und Kleinstädten.

    In einer Stadt wie Ostberlin bewegt sich die Szene renitenter, als in einer mitteldeutschen Residenzstadt wie Dresden oder in einer Kreisstadt wie Bautzen. Der „Ostmensch“ ist gewissermaßen die Metapher für das Potential einer anderen mentalen Perspektive und deshalb auch einer anderen historischen Erfahrung. Er ist die Metapher für Wertbilder die den anderen Kapitalsorten verpflichtet sind und für eine Sprache, die nicht für Gewinn und Geschäfte steht, sondern für Solidarität, auch für Verweigerung.

    Die „kulturelle Seele“ des Ostmenschen ist in ihrer Radikalität mit den Figuren Dostojewskijs oder Bulgakows verwandt. Dostojewskij, von Peter Sloterdijk als erster Globalisierungsgegner bezeichnet, verfasste in den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ die Figur des Kellermenschen. Der Kellermensch ist das Pendant zum „Ekel“ Sartres, im Angesicht der sich ausbreitenden Weltausstellungen des Warenkonsums und der Kristallpaläste, als Verweigerungshaltung gegenüber inszenierten Warenkonsum, als Protest gegen den neuen Menschen, für den mit Geld alles zu haben ist und der fürs Geld alles verrät.

    Russland als Feindbild

    Das Feindbild Russland hat Tradition. Es wurde im 19. Jahrhundert aktiviert, während des ersten Weltkrieges, zwischen den Kriegen, nach dem zweiten Weltkrieg und heute wieder. Ohne die Vorzüge und Nachteile Russlands hier aufzählen zu wollen, ist Russland schlichtweg schon immer eine Gegenhegemonie zum liberalen Hegemonieprojekt angelsächsischer Provenience gewesen.

    Konklusiv gesprochen kann ein global-gesellschaftlicher „Frieden“ nur innerhalb einer antagonistischen Hegemonienbalance existieren, nicht in der Abschaffung der einen oder anderen Hegemonie, d.h. der gesellschaftliche „Frieden“ bewehrt sich nur innerhalb einer „Hegung des Krieges“, wie Carl Schmitt es kommod nannte, innerhalb der „Zähmung der Bestie“ und dem Vermeiden ihrer Entfesselung.

    Anm.d.Red.: Der erste Teil dieses Essays ist unter dem Titel Therapie für Massen? Feindbild-Propaganda, kaum beachtete Demonstrationen und alternative Medien erschienen. Und der zweite Teil unter dem Titel Wendekränkungen: Warum die Wiedervereinigung Deutschlands heute ein Fall für Psychologen ist. Das Bild oben ist ein Detail aus dem Banksy-Motiv Meat Truck.


4 Kommentare zu Besatzer oder Befreier? Ostdeutschlands anderer Blick auf Russland

  • AEB Goldbeck-Löwe, Berlin-Kreuzberg am 17.05.2014 15:53
    Einverstanden
  • AEB Goldbeck-Löwe, Berlin-Kreuzberg am 17.05.2014 17:23
    Als ich Landei und Bäckermeisterstochter im Frühjahr 1967 zum Studium nach Westberlin kam, fiel mir auf, daß es - anders als in meiner Heimat OWL (OstwestfalenLippe) - strikte Rassentrennung in Westberliner Bäckereien gibt. Die "Amerikaner" waren entweder mit weißer Zuckerglasur lackiert oder mit brauner Schokoglasur. "Amerikaner", die zur Hälfte weiß und zu Hälfte braun waren, gab es nicht. Mein Papa machte sie immer halb und halb,bzw. ließ mich das machen. Er erzählte, daß er in der amerikanischen Gefangenschaft in Marseille als Bäcker den "Kaugummijimmmies" erstmal beibringen mußte, wie richtige Amerikaner gebacken werden müssen. Doch gegen deren Rassentrennung bei diesem Hirschhornsalzgebäck konnte er sich nicht durchsetzen. Er mußte die Dinger entweder weiß oder braun lackieren. Halb und halb war verboten. ENTWERTER-ODER ;-) nie sowohl als auch .... Mark Twain, dem Helden meiner Kindheit, hätte das nicht gefallen.
  • rebentisch am 20.05.2014 10:41
    Der Begriff Tag der Befreiung, der polemisch von der DDR-Propaganda im Kalten Krieg ins Spiel gebracht worden ist, deutet die militärische Niederlage in einen Sieg um und lenkt von der Verantwortung ab. Das hatte in der DDR zu einer tieferen Verdrängung der Verantwortung des deutschen Volkes für den 2. Weltkrieg geführt, die bis heute nachwirkt. Die vorsichtigen Bemerkungen von Weizsäckers zum Aspekt Befreiung glichen sich daran an, ohne aber von der Verantwortung abzulenken, und fanden die genau richtige Formel.

    Exemplarisch zur DDR Agitation:
    http://rutube.ru/video/bedce531851689a4b1076f3a420a3138/
  • Eckart Britsch am 20.05.2014 20:08
    Von Carl Schmitt stammt die richtige Erkenntnis: "Wir in Mitteleuropa leben 'Sous l'oeil de Russe'." Dabei ging es ihm nicht in erster Linie um die bolschewistische Revolution. Vielmehr wusste er, das die Russen schon lange vorher in der ihnen eigenen Lebenskraft und Erkenntnisfähigkeit unser Wissen und Technik übernommen hatten. In ihrer Mischung von Rationalität und dem Gegenteil - der Orthodoxie. Erst dadurch war die Verbindung von Slawentum und Sozialismus möglich - der Mischung von Tradition und importiertem deutschen Materialismus. Bis heute glauben ja manche Deutsche, das die Fahrt Lenins im plombierten Wagen und die nicht offizielle finanzielle des deutschen Kaiser, die Revolution ermöglicht hatte. Es ist sicher so, dass das kulturelle Gedächtnis der Nachkriegsgeneration weiter zurück reicht. Auch hat die deutsche Bevölkerung den 8.Mai West und den 9.Mai Ost nicht als Befreiung erlebt hat, sondern als brutale Niederlage. Der Rausch des Welteroberungstraums mit seinem gewaltsamen Abbruch hat lauter frustrierte, angstvolle Realisten hinterlassen, die am Anfang nicht wussten, ob die Sieger ihnen das gleiche antun würden, wie sie ihnen. Diese Selbstlähmung war vorbei, als der Wiederaufbau anfing. Wichtiger als das Wirtschaftswunder der Westdeutschen war, dass sich die bundesdeutsche Bevölkerung sich moralisch, politisch und theoretisch sich mit ihrer Herkunft aus dem Nationalsozialismus auseinandersetzen musste. Dafür konnte man nicht das "Ausland" verantwortlich machen: es waren die eigenen Kinder. In der DDR wurden das durch den inszenierten Anti-Faschismus verhindert. Als Erinnerung bleibt hier zurück, dass sie keinen Pfennig als Wiedergutmachung an die Israelis bezahlten. Stattdessen unterstützte man die PLO, die eine Ausrottung des Staates Israel im Programm hatte. An Ausschwitz dachte im ZK keiner. Jedenfalls mochten nach dem Krieg die Westdeutschen die Amis nicht und die Ostdeutschen nicht die Russen. Meine These lautet daher: die Westdeutschen liebten weder Amis noch Engländer. Sie versöhnten sich mit den Franzosen, weil die den zweiten Weltkrieg verloren hätten, wenn sie die Alliierten nicht befreit hätten. Konrad Adenauer/Charles de Gaulle war eine Liebesheirat der Verlierer, im Osten war es ein Nebeneinander zwischen Deutschen und Russen, dass sich erst durch die wirtschaftlichen Erfolge der Sowjetunion in den fünfziger Jahren verbesserte, weil diese dann nichts mehr abtransportiert oder von der DDR Kriegsentschädigung bezahlt werden musste. Das im zweiten Weltkrieg Russland mit 25 Millionen Toten das größte Opfer brachte, ist heute weitgehend verdrängt. Auch die Tatsache, dass die westdeutschen Konzerne recht früh in das Russlandgeschäft einstiegen und die Deutschen nicht mit der Wehrmacht, sondern mit der deutschen Bank Moskau erobern wollte.

    Eine neue Russlandliebe entstand durch Michal Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika, aber auch durch die immer größeren Geschäfte. Vom Manager zum Techniker und nicht zu vergessen der neue Tourismus machten gute Erfahrungen. Sie beschreiben die Russen als verbindlichen, warmherzige, liebenswerte Leute. Das ist auch der Grund, warum die Putin-Dämonisierung in Deutschland durch die Medien nicht zündet. Auch die Politiker denken durch den Druck der Großkonzerne nicht wirklich an Sanktionen. Seit dem Krimkrieg von 1854-56 gehört die Krim gefühlt zu Russland. Das der Ukrainer Chruschtschow diese an der Ukraine geschenkt hat, zählt heute nicht mehr. Jeder spürt, dass es in der Ukraine um Stammeskämpfe geht, die von Interessen der Amerikaner (Öl, Gas, Pipeline)orchestriert werden und Russland allein ihre Sicherheitsstandards verteidigt, die von der NATO, der Weltbank, vom IWF und der Europäischen Zentralbank gefährdet werden. Hinzu kommt die Politik der CIA und der Einsatz von Academi (Im Irakkrieg noch Blackwater) - einer privaten amerikanischen Söldner-(Mörder)-Truppe. Peinlich ist auch, wie diese Phalanx die Versprechungen, die Gorbatschow in den 2 plus 4-Gesprächen gemacht wurde. Die infame Medienberichterstattung erklärt gegenüber den Russen erklärt sich dadurch: je mehr ich im Unrecht bin, umso lauter Schreie ich. Das Freund/Feindschema ist latent. Was uns angeht ist er in der Formulierung von Carl Schmitt "Der Feind ist unsere eigene Frage in Gestalt". d.h. man muss die Sicherheitsinteressen der Russen kennen und von daher die Feindschaft (die für mich keine ist) versuchen einzudämmen.

    Zur Wiedervereinigung und den daraus ergebenden Konflikten kann ich nur sagen: die Ostler waren/sind geschichtsbewusst, die Westler nicht. Das Geschenk von Gorbatschow hat man gerne angenommen - es ist bekannt das Thatcher dagegen war - was soll's. Für die westdeutsche Industrie war es ein Reibach, weil man locker die DDR mitversorgen konnte. Manche der Raubritter, die in den Osten gingen, haben gewonnen. Andere ihr Vermögen verloren. Der Soli ist auch noch nach 20 Jahren nahezu unbestritten. Das Deutschland als eine Folge von Ausschwitz geteilt wurde, ist eine Mär. Es waren die erzielten militärischen Ergebnisse. Den Fehler, den die Alliieren machten, war die Ost/West- Teilung. Eine Nord/Süd-Teilung wäre aufgrund der Mentalitätsnähe viel erfolgreicher gewesen.

    Das Hauptproblem, das von der Politik soweit es geht verschwiegen wird, ist die Militärpräsenz der Amerikaner in Westdeutschland. Vor allem auch deshalb, weil sie ihre Basen für völkerrechtswidrige Militäreinsätze nutzen. So beispielshalber das "Africa Command" in Stuttgart, von dem aus Drohneneinsätze von Somalia, Jemen und dem Sudan dirigiert werden - also in souveräne Staaten. Der Vorwurf gegenüber Putin, der Krimeinsatz sei völkerrechtswidrig ist nicht mehr als ein Kalauer, da Amerikaner täglich völkerrechtswidrige Out-of-area-Einsätze durchführen.

    Auch glaube ich nicht, dass der Spieler von Dostojewskij ein Globalisierungsgegner beschrieben werden kann. So heißt auch sein Roman nicht mehr "Schuld und Sühne",sondern "Verbrechen und Strafe" - also ein Allerweltsproblem.

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