• Flüchtige Dekade: Zur Archivierung der Neunziger

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    Das Berlin der 1990er ist gerade mal weit genug weg, um als Gegenstand der Geschichtsschreibung attraktiv zu werden. Der Netz-Pionier, Radiomacher und Berliner Gazette-Autor Pit Schultz versucht etwas schier Unmögliches: sich der Zeit nach der Wende anzunähern ohne diese zu überhöhen und zu verklären. Eine Spurensuche in Berlin und über die Grenzen der Stadt hinaus.

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    Während der Mythos der 90er Jahre weiter wirksam ist, sind seine Spuren im Stadtraum und im Internet schwer auffindbar, auch wenn die Erinnerung in den Menschen und Gewohnheiten weiterlebt. Die 90er sind zu etwas Unausprechlichem geworden, einerseits in den Ausläufern und Wirkungen allgegenwärtig, andererseits gleichsam stumm und opak, eine Dekade, in deren Bann wir weiter stehen.

    Dies hat nicht zuletzt mit der Generation zu tun, die sich aus dieser Zeit heraus etablierte und bei genauerem Hinsehen gerne Methoden und Ansätze realisiert, die als Grundstruktur bereits in den 90ern angelegt waren oder geprägt wurden. Dies gilt besonders für die kreativen Fächer: Musik, Theorie, Architektur, digitale Kultur und Aktivismus.

    Flyer, T-Shirts, Plakate, Mixtapes und Floppies

    Wenn Geschichtsschreibung keine Quellen findet, widmet sie sich solchen Themen und Feldern für die genug Beweismaterial verfügbar ist, am besten in Buchform, also in Text und Bild. Damit benachteiligt die Historiografie Bereiche, die sich anderer Medien bedienen und belohnt die Anpassung an die institutionellen Aufschreibesysteme. Auch wenn einige der Akteure der 90er sich obsessiv mit dem Thema des Archivs beschäftigten, besteht die Hinterlassenschaft ihrer Aktivitäten in einem weitverstreuten Sammelsurium von Fragmenten, Nebenbeiartefakten wie Flyern, T-Shirts, Plakaten, Mixtapes und Floppies. (Digitalkameras existierten noch nicht. Nicht jeder war ein Fotograf.) Zudem war es üblich anzunehmen, dass die Institutionen der Aufzeichung und Einschreibung mittels überkommener Wissensmodelle Macht ausüben und zu meiden wären.

    Die Systematisierung des Museums ist eine konstruierte, der Unordnung der Dinge nachträglich auferlegte Matrix zur Eingliederung in das bestehende Wissen. Das Bruchstückhafte wird durch Interpretation zum Hinweis um ein umfassendes Modell zu bestätigen. Widersprüche bleiben zwar erhalten, entschlüsseln sich aber nicht. Die Wahl der Quellen, also dessen, was im Depot bleibt und nicht in den Fussnoten auftaucht, beschreibt das Schweigen im Archiv, dessen was zwar bekannt sein mag, aber ausgeschlossen wird.

    Geschichte wird dabei gerichtet dargestellt, so als hätte es zur Entwicklung keine echten Alternativen gegeben, beziehungsweise wären diese immer nur die möglichen Abzweigungen datierbarer Entscheidungssituationen, wie zum Beispiel durch Schlachten oder Wahlen markierbar. Die Faktoren der Heterogenität, Diskontinuität, Vernetztheit und nicht zuletzt die Momente der Affekte sind die Widersacher der Musealisierung und Geschichtsschreibung, da sie mit deren Methoden nicht “einzufangen“ und als Quellen nutzbar und vermittelbar sind.

    Musealisierung, oder: „richtig 92”

    Bezeichnenderweise haben wir uns in den 90ern intensiv mit Musealisierung beschäftigt, experimentelle Archive angelegt, und das Dokumentarische untersucht. Dabei kam es zu experimentellen Formen die sich mit dem Aussen beziehungsweise den Paradoxa der Institution Museum beschäftigten. Drei Beispiele: das Museum für Zukunft war ein Projekt der unrealisierten Projekte, eine Sammlung von Aussagen zum Kommenden, von verschiedensten Personen aus allerlei Disziplinen.

    Es bestand im Wesentlichen aus einer Datensammlung, Fragebögen und Interviews, und tourte und konferierte vor Ort. Das „E­Smog Archiv“ war der Versuch, ein Wissen zu dokumentieren, das auf Ausschluss des Irrationalen besteht, nämlich der Technik des Elektromagnetismus und der heute weiter schwelenden Debatte um seine gesundheitliche Verträglichkeit. Schliesslich das „Museum für Geschichte“, Teil des “richtig 92”-Zyklus von Botschaft e.V., ein Gemeinschaftsprojekt mit Harald Fricke (mit Adib Fricke, Wolfgang Müller, Helmut Höge, Fritz von Klingräff & Bettina Allamoda), in der es um die Untersuchung der Bedingungen von Geschichtlichkeit ging.

    In jedem der Fälle wurde der gesellschaftliche Wissensprozess als kollektiver Produzent gesehen, den man durch geschickte Abfragen zum Sprechen bringen konnte. Das Mitschwingen der jeweiligen Herkünfte und Kontexte zu erkennen und zu respektieren, war dabei die eigentliche Herausforderung: Methoden der Prozessualisierung, Rhytmisierung, Schnitt, Verlinkung, Assemblage sowie kritische Analyse, das heißt Auflösung im dialogischen Diskurs. Die Legitimierung im Politischen war weniger das Ziel als dessen Aktualisierung und Umsetzung im Arbeitsprozess selbst.

    Deterritorialisierung und Reterritorialisierung

    Das Aussen einer überindividuellen Geschichtlichkeit war zu der Zeit offenkundig, war doch gerade das vermeintlich Unwahrscheinliche, Unvorhergesehene eingetreten. Die Bewegung ins Offene, in der Sprache der 90er “Deterritorialisierung” genannt, bedeutete weniger eine Flucht als eine naheliegende Besiedlung von Leerstand, also zumindest “nomadische Reterritorialisierung”. Bestehende Strukturen griffen noch nicht, und es gab existenzielle Freiräume.

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    Ihre zeitliche Begrenzung war von vorneherein klar, jedoch konnte man sich entscheiden, ob es darum ging den Moment zu geniessen, seine Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen und die Zeit zu intensivieren oder aber in die Zukunft zu investieren, beziehungsweise das Bestehende zu verteidigen und entsprechend auszubauen. Raummetaphern waren sehr beliebt in den 90ern, doch beschrieben sie letztlich einen Anspruch die amorphen Kontinuen der Zeiten, Möglichkeiten und Daten urbar zu machen und zu kultivieren.

    Es kommt einer archaeologischen Aufgabe gleich, eine Zeit an die sich viele noch allzu gut erinnern können, in ihrer ganzen Detailvielfalt zu vermitteln, und seien es auch nur die Fakten (wer, wann, wo, wie) welche gerne in Monografien herausgefiltert und verkürzt dargestellt werden. Irgendwann, wenn sie knapp genug sind, werden die Relikte dieser Zeit als Sammlerstücke gehandelt, während man sie heute gerne bei Umzügen und Haushaltsauflösungen zuerst aussortiert. Die Quellenlage ist verstreut, manch Beteiligter hat in einer Schublade oder im Privatarchiv noch originale Dokumente zu den ephemeren aber umso intensiver erfahrenen Kulturereignissen die in ihrer Prozessualität jede Mediatisierungs­- und Einschreibungsabsicht unterliefen: Parties, Ausstellungen, Aktionen.

    Der Ort: Berlin, genauer gesagt die Ecke Mauerstr., Kronenstr., Leipzigerstr. Hier wurden 1990 einige Häuser besetzt. Es entstand ein Geflecht von Initiativen, Clubs, Bars, Arbeitsräumen, Studios und Ausstellungsräumen. Jedes Wochenende strömten Massen von Besuchern ein und finanzierten so die Projekte. Um die Bedeutung dieser “temporären autonomen Zone” zu verstehen, kann man versuchen seine Wirkung auf die Besucher und im Umfeld Beteiligten zu befragen, oder die Akteure selbst vor das Mikrophon bitten. Die Spuren der Erinnerungen werden sich an bestimmten Punkten verdichten, an anderen widersprechen, es würde sich ein Netzwerk von Querbezügen entwickeln, mit Knotenpunkten die Wirklichkeit beanspruchen: Personen, Plätze, Projekte.

    Die eingeklemmte Dekade

    Um unsere jetzige Zeit zu verstehen, kann es helfen, die Verständigung über die Geschichte der letzten 40 Jahre in Dekaden zu vereinfachen: 70er, 80er, 90er, 00er. „Die 90er Jahre“ sind eingeklemmt zwischen den 80ern und 00ern, die Zeit nach der Wende, der globalisierten Neoliberalisierung, der Einführung des World Wide Web und folgenden Dotkomkrise. Diese führte in ein “bleiernes Jahrzent” der 00er Jahre, mit 9/11 als Auftakt. Eine Geschichtsschreibung die so kritisch auch immer, den Sieg des globalen Finanzkapitalismus besiegelt, lässt die gangbaren Alternativen aus. Ihre Chronisten und Archivare beugen sich einer zentralen Erzählung anstatt ihre eigene Geschichte anzuerkennen, die zumindest zu bestimmten Zeiten Kontingenzen aufwies.

    Eine später zu belegende These wäre, dass sich substantiell in diesem Folgejahrzehnt das maßgeblich verfeinerte und etablierte was vom Konzept und Rahmen her in den 90ern definiert wurde. Verkörpert z.b. durch die Firma Apple, oder Web 2.0. Man könnte die Nuller ­Jahre als ein Jahrzehnt des Designs bezeichnen, bei dem die glatte und saubere Überformung bereits bekannter Modelle, eine Ära der Optimierung und Wertschöpfung einleitete.

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    Es ist fast so, als könne man sich an die 90er Jahre nur in einer Terminologie der vagen Erinnerungen an eine fortwährende Party annähern, eine Zeit des Hedonismus, der Extase usw. In Klang der Familie wird versucht die Geschichte des Feierns in Berlin nachzuerzählen. Das Buch besteht aus einer Vielzahl von Interviews, zusammeneditiert, von zwei Schreibern der De­:bug, die selbst als Flagschiff der weiterbestehenden und behutsam adaptierten “elektronischen Lebensaspekte” d.h. elektronische Musik und digitale Kultur der 90er Jahre angesehen werden kann.

    Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln

    Es gibt eine ganze Anzahl von Büchern zu einzelnen Aspekten der 90er Jahre, insbesondere der Netzkultur, speziell der Netzkunst. Es sind vorwiegend Monographien, Memoiren der rapide dahineilenden Netzjahre, die ein Vermittlungsdefizit bedienen, die Geschichte einer ganzen im Verschwinden befindlichen Subkultur erzählt aus der Ich­-Perspektive, ganz nach dem Modell “ich und meine Freunde”. Diese Bücher sind in der Regel Niederschriften einer Oral History: Anekdoten, Wer­mit­wem­wo­wann, sowie die Darstellung der jeweils eigenen Beteiligung und Ansichten im besten Lichte.

    Weiterhin existieren zu einzelnen Kunstrichtungen jene Art von Katalogen, die eine Kunstrichtung bezeichnen um deren Ende grabsteinartig zu besiegeln. Beispielsweise der Kontext Kunst-Katalog von Peter Weibel. Oder es gibt jene Art von Stadtführern, die eine bestimmte Szene aufs Korn nehmen und ihren Verwertungszusammenhängen nachgehen. Etwa Tobias Rapps Suhrkamp-­Buch zur Genealogie des Clubtourismus in Berlin und deren Vorgeschichte in Ulrich Gutmairs Die ersten Tage von Berlin. Noch fehlt ein “Wimmelbuch” wie das von Wolfgang Müller zu den 80ern, das aus einer selbstverständlich hochsubjektiven Schreibposition über die Genres hinweg die Subkultur der 90er Jahre beschreibt.

    Schon Marcel Proust war klar, dass das Mémoire Volontaire, also das willentliche Sich­-Erinnern einer erlebten Vergangenheit, immer mit einer im Grunde unzulässigen Idealisierung einhergeht, die nur wenig mit der ursprünglichen Erfahrung zu tun hat. Das Heimweh nach einer verlorenen Zeit überdeckt die Frage nach der Art beziehungsweise den Grund des Verlusts. Ob die vermeintlich goldenen Zeiten in der Vergangenheit oder der Zukunft liegen entscheidet maßgeblich über den Blick auf die Gegenwart. Das Erste gilt als konservativ, das Zweite als progressiv.

    Retromanie und der Fleiss Namenloser

    Jedoch gibt es auch den Kurzschluss beider Bewegungen, bei der eine Wiederkehr als Zukunft herbeigesehnt wird. Einfacher und wahrscheinlich sinnvoller wäre es jeweils einzelne Elemente zu aktualisieren, sie als Versatzstücke einer Vergangenheit heute neu zusammenzusetzen und somit eine Parallelgeschichte zu schreiben, eine, die aus der Perspektive von heute das Vergangene selektiert und neu ordnet, und somit das Heutige oder Kommende besser verstehbar oder konstruierbar macht.

    Die Retromanie hat mit der allgegenwärtigen Bereitstellung von Kulturdaten zu tun, durch die Musik plötzlich durch Suchabfragen beliebig verfügbar und kombinierbar wird (allem voran Youtube in Kombination mit discogs). Das Archiv vergriffener Vinylplatten wird für alle zu Spielmaterial einer nie erfahrenen oder anders erfahrenen Vergangenheit. Plötzlich bekommt eine Musik, die mehr als 20 Jahre alt ist, denselben Stellenwert wie eine neue Musikrichtung, sie wird reinterpretiert, editiert, komplett im alten Stil neu produziert und regiert für eine Weile die Dancefloors. Ohne den Fleiss namenloser Vinylsammler, Bedroom­-DJs und Blogger wäre diese Reaktivierung des Archivs nicht möglich. Ohne das Connaisseur­-Wissen um Instrumentierungen und kleinste Studiotricks, seltene Bootlegs und Remixversionen, ohne den Sog des Archivs wäre dieser Wissensbereich uninteressant für die Wiederaufbereitung.

    Heute wird im Rahmen der Verknappung von Wohn­- und Arbeitsraum in den Innenstädten bei der Aufwertung von Immobilien gerne auf die besondere Rolle von Künstlern hingewiesen. Immerhin waren sie es, die zuerst in Zwischennutzungs­modellen die Liegenschaften, Brachflächen, heruntergewirtschafteten Lagerflächen und Büroräume in Kulturorte umfunktionierten, die zuallererst der Kultur selbst, also dem Allgemeingut dienten.

    Wie könnte ein offenes Archivmodell aussehen?

    Es ist wichtig, über möglichst viele und genaue Daten aus der Zeit zu verfügen. Einerseits, um die Erinnerung wachzuhalten, andererseits, um andere Schlussfolgerungen zuzulassen. Heutige Projekträume sind mehr und mehr gezwungen in die Aussenbezirke abzuwandern, schon seit einer Weile wird von Raumpionieren gesprochen, die in der Tradition der Künstlerkolonien der 20er ganz ins fernere Umland der Grosstadt abgewandert sind. Wenn es darum geht die aktuellen Freiräume zu nutzen, so existieren diese in der Tat immer weniger im städtischen Raum.

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    Gesucht wird also ein offenes Archivmodell, das Nichtlinearität und Mehrstimmigkeit, Dezentralität und horizontale Organisation in sich vereint. Im Zentrum dieses Modells stünde demnach eine „topologische Biografie“, sowohl der Projekte an sich wie auch der damit vernetzten Personen. Denn jeder Ort hat seine Biografie und jede Veranstaltung, jede Biografie besteht wiederum aus Verweisen auf andere Personen, Orte, Projekte, Veranstaltungen, ergänzt durch Themen und zentrale Begriffe. Der Wiki­-Ansatz scheint gut geeignet, inklusive eines freien Lizenzmodells, das die weite Zirkulation der Daten erlaubt.

    Wichtigste Voraussetzung für die Realisierung dieses potentiellen zeit­topologischen Archivs ist allerdings eine kritische Masse an Akteuren: Menschen, die über ein jeweils eigenes Wissen zu dem betreffenden Zeitraum verfügen, die selbst beteiligt waren und die daran interessiert sind, eine andere Art Geschichtsschreibung zu ihren Lebzeiten zu gestalten. Wie dies umgesetzt werden kann, ob spendenbasiert oder mit anderen notwendigen Mitteln, ob in Dialogen, Symposien, über Parties oder per Uploads: Dies hängt von Eurer/Ihrer Mitwirkung ab.

    Anm.d.Red.: Passend zum Thema gibt es im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien die Ausstellung „Wir sind hier nicht zum Spaß! Kollektive und subkulturelle Strukturen im Berlin der 90er Jahre.“ mit zahlreichen Talks. Allen, die Interesse an der Entwicklung eines offenen Berlin-Archivs haben, sei die Netzsuche-Mailingliste ans Herz gelegt (netzsuche@artwiki.org). Und unter dem Titel Return to Forever das Gespräch zwischen Pit Schultz und Ulrich Gutmair. Die Fotos im Text stammen von Mario Sixtus und stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


3 Kommentare zu Flüchtige Dekade: Zur Archivierung der Neunziger

  • Leander Kathmann am 29.06.2013 14:34
    spannender ansatz, ich war in den 90ern nicht selbst dabei, aber mich interessiert das sehr. gibt es dieses wiki denn schon?
  • Jonathan am 28.07.2013 14:02
    Ich habe die ganzen 90er intensiv in Berlin erlebt und sage Euch: es war die geiltte Zeit der Freiheit. Im Vergleich dazu sind die events und Clubs selbst in Berlin heute nur kommerzielle langweilige Massenunterhaltung.
  • Jonathan am 28.07.2013 14:04
    Also um es nochmal festzustellen: es war die geilste Zeit! :-)

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