• Wen geht’s an? Wer kümmert sich? Pflege und Archivierung der kontroversen Snowden-Dokumente

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    Die Pentagon-Papiere lösten vor vierzig Jahren ein Erdbeben aus. Die Snowden-Dokumente haben auch das Potenzial dazu – was allerdings auch eine Frage der Archivierung dieses kontroversen Materials ist. Deshalb wurde in Kanada das „Snowden Digital Surveillance Archive“ ins Leben gerufen. Der Soziologe Andrew Clement, der zu den Initiatoren dieses wegweisenden Projekts gehört, denkt über Chancen und Herausforderungen nach.

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    Was Snowden enthüllt hat, ist ein komplexes, institutionalisiertes System der Massenüberwachung, das tief in unseren staatlichen und privatwirtschaftlichen Strukturen eingebettet und wirksam ist. Nur durch eine weitreichende kollektive Anstrengung, die multiple Perspektiven mit einbezieht, kann es uns gelingen, das Ausmaß und die gesellschaftlichen Folgen dieses Systems zu verstehen aber auch Widerstandsmöglichkeiten auszuloten. Ein Archiv, das alle Snowden-Enthüllungen bündelt, kann bei diesem Vorhaben als maßgebliche Ressource dienen.

    Wer auf bahnbrechende Leaks zurückblickt, inbesondere im Hinblick darauf, wie Gesellschaften es geschafft haben (oder auch) sie zu archivieren, kann manches von der Geschichte lernen. Zentraler Referenzpunkt ist für mich der Whistleblower Daniel Ellsberg und die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere. Die Enthüllung geheimer Dokumente über den Vietnamkrieg, die belegten wie Volksvertreter routinemäßig über ihre Beweggründe sowie über den Zustand des Konflikts logen, hatte einen erheblichen Einfluss auf den öffentlichen Widerstand gegen den Krieg und den sukzessiven Rückzug der USA.

    Snowdens Enthüllungen haben ein vergleichbares Potenzial, weil sie sowohl schockierende Regierungsaktivitäten als auch kaltblütige Lügen öffentlicher Figuren offenlegen. Selbstverständlich sind die heutigen Zustände nicht vergleichbar mit der Situation im Jahr 1971 als die Pentagon-Papiere erstmals öffentlich wurden. Es gab bereits eine starke soziale Bewegung gegen den Vietnamkrieg, welche durch die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere beflügelt wurde. Verglichen damit, steckt die soziale Bewegung gegen den Überwachungsappart in den Kinderschuhen.

    Darüber hinaus scheint es im Jahr 1971 weitaus mehr Dissens in den oberen Etagen der Politik gegeben zu haben als dies heutzutage der Fall ist. Das macht die Herausforderung, heute einen Wandel herbeizuführen, umso anspruchsvoller, aber auch umso notwendiger. Das Potenzial der Snowden-Enthüllungen besteht darin, die versprengten Widerstandsmomente miteinander zu verknüpfen und im Zuge dessen auszuweiten.

    Wie bildet sich die Masse über Massenüberwachung?

    Vor diesem Hintergrund habe ich gemeinsam mit Kollegen wie David Lyon angefangen, ein Archiv für die Snowden-Enthüllungen zu konzipieren. Für das, was nun Snowden Digital Surveillance Archive heißt, gibt es einen zentralen Beweggrund: Ich möchte dabei helfen, die öffentliche Debatte über Massenüberwachung zu vitalisieren und gehaltvoller zu gestalten. Jetzt, da wir wissen, dass unsere staatlichen Einrichtungen jedermanns digitale Aktivitäten fein granuliert überwachen, stehen wir als Gesellschaften vor einer Reihe von weitreichenden Entscheidungen über die angemessene Rolle von Geheimdiensten in einer Demokratie.

    Wenn wir nichts unternehmen, liefern wir uns freiwillig der Willkür der Überwacher aus. Abgesehen von einem unermesslichen individuellen Schaden, hat dies für unsere Demokratien eine zersetzende Wirkung. Darüber hinaus nehmen wir das Risiko eines Polizeistaats in Kauf. Die Überwacher zu zügeln und die verfassungswidrigen Aspekte ihrer Arbeit zu eliminieren, ist sehr schwierig, aber unumgänglich. Es kann nur bewerkstelligt werden, wenn ausreichend Menschen gut genug informiert sind: Erstens über die existierenden Überwachungspraktiken. Zweitens über die Bedrohungen, die sie darstellen.

    Die Bildung der Allgemeinheit ist von großer Bedeutung, da die Praktiken der Überwacher streng geheim und ziemlich komplex sind. Diese Ansicht treibt mich schon seit Jahren. In meiner Forschungsarbeit schlägt sich das beispielsweise in dem Projekt IXmaps.ca nieder. Die Seite ermöglicht es individuellen Nutzern nachzuverfolgen, wie ihre Datenpakete durch das Internet transportiert werden – und zeigt gleichzeitig die potenziellen Zugriffsstellen der NSA.

    Ein Projekt wie IXmaps ist ein ganz konkreter Anwendungsfall für ein Archiv der Snowden-Enthüllungen. In diesem Fall hätte es mir enorm geholfen, ein durchsuchbares Archiv zu haben, um die Zugriffstellen der NSA und ihrer Pattner besser zu lokalisieren und zu identifizieren. Darauf aufbauend kann IXmaps dann fortlaufend aktualisiert werden. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich überrascht war, dass es so ein Archiv noch gar nicht gibt. Also bin ich in mich gegangen, habe meine Ressourcen überprüft und dann eine Suche nach geeigneten Mitstreitern gestartet. Ich fand George Raine, einen gelernten Archivar, der Lust auf das Projekt hatte.

    Als wir uns an das Konzept machten, wurde schon bald klar, dass ein Archiv der Snowden-Enthüllungen anderen Wissenschaftlern (aber auch Journalisten) einen wichtigen Dienst erweisen würde: Erstens die Möglichkeit, ein individuelles Dokument in einem breiteren Kontext zu sehen und Verbindungen zu einer Fülle weiterer Dokumente zu verfolgen. Zweitens die Möglichkeit im Zuge dessen, die Strukturen, Kräfte und die allgemeine Beschaffenheit der Massenüberwachung in einem bislang ungekannten Ausmaß durchdringend zu erforschen. Diese sich neu eröffnenden Möglichkeiten sind wirklich nicht zu unterschätzen. Schließlich hatte die bisherige Auswertung der Dokumente einem weitgehend skandalisierten Diskurs der Massenmedien Vorschub geleistet.

    Software, Format, Architektur des Archivs

    Vor diesem Hintergrund kam für mich ich von Anfang nur eins in Frage: ein für alle zugängliches Online-Archiv unter einer freien, offenen Lizenz. Um unser Ziel zu verwirklichen, haben wir Greenstone eingesetzt – eine Software für das Errichten und den Vertrieb von digitalen Bibliotheksbeständen. Greenstone ist das Baby des New Zealand Digital Library Projekts, das an der University of Waikato angesiedelt ist – entwickelt in Zusammenarbeit mit UNESCO und der NGO Human Info. Die Open Source Software wird auf der ganzen Welt von diversen „Digital Library“-Initiativen genutzt, vor allem in Entwicklungsländern. Uns ist klar, dass Greenstone einige interessante Features nicht hat, die jüngere Software-Entwicklungen für digitale Archiv-Plattformen aufweisen. Doch wir wollen zunächst die Bedürfnisse einer solchen Archiv-Nutzung besser kennenlernen und erst dann entscheiden, ob wir auf der Basis des Nutzer-Feedbacks Optimierungen vornehmen oder eine andere technische Basis schaffen.

    Das Archiv, das nun auf der Webseite der Canadian Journalists for Free Expression liegt, musste stark angepasst werden. Wir haben die Dokumente gemäß eines angepassten Metadatenschemas struktruriert – sensibilisiert für jene kontextuellen Elementen der Snowden-Dokumente, die nicht zum Standardrepertoire von Materialsammlungen gehören. Dazu gehört die gesamze Klassifizierungstextur der Dokumente, die geschaffen wurde, um sie intern gemäß Geheimhaltungsstufe, Programm- und Behördenzugehörigkeit einordenen zu können. Der „look and feel“ der Sammlung, also auch Dinge wie das Format besagter Dokumentbeschreibungen, sind stark für die Greenstone-Matrize angepasst worden.

    Die meisten Dokumente, die von Medien (Washington Post, The Guardian, New York Times, Der Spiegel, etc.) veröffentlich wurden, liegen als PDF vor. Ursprünglich gab es eine ganze Menge Powerpoint Files und andere proprietäre Formate. Die Medienhäuser sind uns insofern entgegengekommen, als dass sie das Material in Form von PDFs und PDF/As veröffentlicht haben, was weitverbreitete Open Source Formate sind. Wir gehen davon aus, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass PDFs in der nahen Zukunft obsolet werden. Sollte dieser Fall doch irgendwann eintreten, ist es ohne weiteres möglich, die Dokumente aus der Sammlung abzurufen und sie in einem anderen, gängigeren Format neu hochzuladen.

    Vernetzung mit Offline-Archiven und Bibliotheken

    So sehr uns die digitale Architektur unseres Snowden-Archivs beschäftgt, so wenig wollen wir in Vergessenheit geraten lassen, dass das Projekt auch analoge Aspekte hat. Beziehungsweise, dass es eine Reihe von analogen Initiativen und Herausforderungen gibt, mit denen wir Allianzen bilden möchten. Es gibt beispielsweise die Initiative „Snowden Archive in a Box“, sie wurde von Evan Light ins Leben gerufen, der an der Concordia University im Mobile Media Lab an Überwachungs- und Telekommunikationsthemen arbeitet.

    Das tragbare „Snowden Archive in a Box“ versteht sich als eine autonome und analoge Version des digitalen „Snowden Digital Surveillance Archive“. Es liegt in einem eigenständigen Wifi-Network und Webserver, der es ermöglicht, die Snowden-Dokumente zu durchsuchen. Die Idee hinter diesem tragbaren Archiv ist simpel: die Möglichkeit, das Archiv in einer sicheren Offline-Methode zu nutzen, ohne die Gefahr dabei überwacht zu werden. Ergänzt wird die aktuelle Version des tragbaren Archivs um eine Demonstration der besonderen Art: Ein Überwachungsapparat, der den umliegenden Wifi-Traffic erfasst und sichtbar macht.

    Wir brauchen mehr solcher Verknüpfungen zu Offline-Initiativen, denn im Zuge dessen, in dieser Form der „Übersetzung“ und Aneignung, kann das digitale Archiv zu einer tatsächlichen Quelle der kollektiven Ermächtigung werden. Hier können auch Bibliotheken eine wichtige Rolle spielen. Insbesondere öffentliche Bibliotheken, da sie nicht nur darum bemüht sind, Materialbestände zugänglich zu machen, sondern auch darum, Räume der Auseinandersetzung rund um das von ihnen Bibliothekarisierte zu schaffen: Diskussionen anregen, Beratung von Communities, etc.

    Die Bibliothek meiner eigenen Universität hat mich kontaktiert und gefragt, ob und wie sie die Snowden-Dokumente (und die dazugehörigen Zeitungsberichte) archivieren könnte. Und wir arbeiten jetzt daran, einen vollständigen „Mirror“ des Snowden Digital Surveillance Archive für die Universitätsbibliothek anzulegen. Solche Mirror-Webseiten zu bauen, ist in vielerlei Hinsicht wünschenswert. Man verbessert die Zugänglichkeit des Materials. Aber auch die technische Stabilität. Darüber hinaus ermöglicht es lokalen Nutzern (sagen wir Studenten) mit dem Archiv zu arbeiten ohne dabei die eigenen Suchanfrage-Daten den Überwachern offenzulegen. Natürlich setzt man damit aber ein wichtiges Zeichen: Solidarität mit den Idealen von Open Access zu kontroversen Materialien.

    Wir haben Gespräche mit anderen Universitäten aufgenommen über die Möglichkeit solche Mirror-Webseiten anzulegen. Doch der Prozess geht nur schleppend bis gar nicht voran, weil die Dokumente in den Augen vieler so etwas wie „Diebesgut“ darstellen. Insofern stellt sich der Besitz dieser Dokumente (zumindest in Kanada) als Gesetzesbruch dar. Obwohl die Gefahr tatsächlicher Strafverfolgung sehr gering ist, stellen sich die juristischen Vertreter einiger Universitäten deswegen quer. Es scheint angebrachter direkt zu den Bibliotheken zu gehen. Sie haben die technischen Voraussetzungen und (verglichen mit Uni-Verwaltungen) das richtige Mindset, um akademische Freiheiten rund um umstrittene Bestände zu bewahren.

    Zusammenarbeit, Gemeinschaft und Commons

    Wir arbeiten derzeit vor allem daran, das Snowden Digital Surveillance Archive zugänglich für alle zu machen. Das bedeutet auch kontinuierliche Arbeit daran, die Zuverlässigkeit der Webseite zu gewährleisten. Aber auch ihre einfache und reibungslose Handhabung. Darüberhinaus gilt es, den Bestand ständig zu aktualisieren, da fortwährend neue Unterlagen veröffentlicht werden. Um die Akkuratheit des Archivs samt aller Klassifizierungen sind wir ebenso bemüht.

    All das ist schon eine Menge Arbeit für unser Team. Können wir aber auch dafür sorgen, dass das Snowden-Material tatsächlich zu so etwas wie Snowden-Commons wird, also eine Art Wissensallmende rund um das Thema Massenüberwachung? Ich glaube, dass es für diesen wichtigen Prozess einer Community engagierter Nutzer bedarf. Nur so können die geleakten Dokumente zu einem Gemeinschaftseigentum werden und eine Bedeutung für die Allgemeinheit erlangen.

    Im Idealfall versammelt sich um das „Snowden Digital Surveillance Archive“ eine Vielzahl von Leuten, die Annotierungen vornehmen, ergänzende Dokumente beitragen, Mirror-Webseiten hosten, Gespräche und Debatten über das Archivmaterial stimulieren und kollektive Forschungsvorhaben initiieren. Die Software-Architektur des Archivs ist derzeit noch nicht optimiert dafür derartige kollaborative Prozesse zu unterstützen. Doch wir hoffen sehr, dass das Projekt weitere Unterstützer findet, die es dahingehend weiter entwickeln helfen.

    Anm.d.Red.: Mehr zum Thema in unserem Jahreschwerpunkt UN|COMMONS, zu dem wir 22.-24.10. gemeinsam mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz eine internationale Konferenz veranstalten mit fünf Workshops rund um die kollektive Gestaltung der Post-Snowden-Welt. Weitere Texte zum Thema finden sich auch in unseren Dossiers Post-Snowden und Offene Kulturen. Dieses Protokoll basiert auf Fragen, die die Redaktion der Berliner Gazette an Andew Clement stellte. George Raine, der Archivar, der das „Snowden Digital Surveillance Archive“ programmiert hat, hat zusätzliche Informationen zu der Archiv- Technologie bereit gestellt. Die in diesem Text erwähnten Projekte werden 18.-19. Juni bei der Digital Citizenship and Surveillance Conference in Cardiff vorgestellt. Das Foto oben stammt von Garry Knight und steht unter der Creative Commons Lizenz cc by 2.0


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