• Wartest du noch oder fährst du schon? Die Initiative “Apps and the City” mobilisiert Berlin

    Schnee und Eis sind der größte Feind der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Wenn die Naturgewalten Busse und Bahnen lahmlegen, können auch die Betriebe meist nicht viel ausrichten. Wenigstens zu wissen, ob und wann die nächste Bahn kommt, wäre schon ein Fortschritt. Entwickler der Initiative “Apps and the City” könnten dank offen gelegter Daten der Berliner Verkehrsbetriebe künftig Fahrgästen den Weg weisen. Berliner Gazette-Redakteurin Sarah Curth käme das gerade recht.

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    Wie gebannt starrte ich auf die Anzeige an der Straßenbahnhaltestelle. Das ist fast wie Fernsehen. Oft hat man Glück und es läuft ein Film mit Happy End: Die Anzeige blinkt und schon taucht das Gefährt meiner Wahl pünktlich vor mir auf, öffnet seine Tore und gewährt mir Einlass. Doch gerade jetzt im Winter finde ich mich immer wieder in einer Tragödie wieder, so auch heute Morgen. Die Anzeige blinkte hektisch, die Bahn sollte kommen. Der Blick wanderte aufgeregt von der Anzeige in die Richtung, aus der man sie erwartet, und wieder zurück. Keine Tram in Sicht. Jetzt erst registrierte ich die Laufschrift ganz unten: Linie M13 verkehrt wegen einer Betriebsstörung unregelmäßig. Das ist Service.

    Auch die anderen wartetenden Fahrgäste standen direkt am Gleis, reckten sich die Hälse nach dem ersehnten Vehikel, bibbernd und frierend. Doch weiterhin nichts. Auf dem gegenüberliegenden Gleis hielt fröhlich eine Tram nach der anderen, Menschen stiegen ein und aus. Plötzlich erlosch die blickende Schrift und das elektrische Orakel prophezeite die nächste M13 in 20 Minuten. Hölle. Hölle im Winter.

    Das ist der Moment, in der man sich die BVG-Gretchenfrage stellt: Gehen oder bleiben? Gehe ich, kommt die Bahn wahrscheinlich angerauscht, sobald ich außer Sichtweite bin. Das ist Murphys Gesetz. Bleibe ich, warte ich womöglich ewig. Während man so überlegt und abwägt, sind zehn Minuten vergangen. Dann kann man ja doch noch warten und hoffen, dass es einen Gott gibt.

    Offene Verkehrsdaten – wozu?

    Solche Momente kennt jeder, der mit den “Öffentlichen” unterwegs ist. Es ist wie Pokern, nur dass es keinen Spaß macht. Viele lassen das stumm über sich ergehen. Es gibt ja keine Alternative. Aber vielleicht ‘ne App? Ja, ganz bald. Die Open Knowledge Foundation (OKFN), die sich für die offene Zugänglichkeit von Wissen einsetzt, hat sich dessen angenommen.

    Bis vor kurzem hat sich der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg VBB noch streng dagegen ausgesprochen, Fahrplan- und Echtzeitdaten App-Entwicklern zur Verfügung zu stellen. Zu groß war die Angst vor Missbrauch oder “Schwarzfahrer-Apps”, die verraten könnten, wo gerade kontrolliert wird. Der Berlin Open Data Day im Schöneberger Rathaus brachte eine Wende und damit das Thema erstmals auf die politische Agenda des Senats. Daraufhin gründete sich der Arbeitskreis Open Data Nahverkehr Berlin und gewann schließlich den VBB für eine Zusammenarbeit.

    Jetzt also hat man die Daten: den gesamten Fahrplan des Verbundes, Echtzeitdaten der BVG, Informationen zu den Haltestellen, Zugangskoordinaten und Aufzugsmeldungen. Was damit tun? Bei dem von OKFN organisierten Hackday Apps and the City versammelten sich Programmierer, Hacker und andere Interessierte, um das zu klären. An Ideen mangelte es den rund 150 Entwicklern nicht.

    Entwickler treffen Verkehrsunternehmer

    Erstmals trafen hier App-Entwickler auf die Berliner Verkehrsunternehmen, die ihre Nahverkehrsdaten endlich als Open Data zur Verfügung stellen. Gemeinsam überlegte man sich Konzepte, setzte erste Prototypen um oder entwickelte Projekte weiter. Darunter die interaktive Karte TransitFlow, die die Bewegungen der verschiedenen Transportmittel durch die Stadt visualisiert.

    Oder Mapnificent, das dir das Gebiet anzeigt, das du innerhalb einer bestimmten Zeit mithilfe von öffentlichen Verkehrsmitteln erreichst. Aber auch kleine Hilfsmittel wie Permaplan, ein Permalink-Generator für eine bestimmte VBB-Auskunft, wurden realisiert. Die letzteren beiden Apps stammen aus der Feder des Entwicklers Stefan Wehrmeyer, der sich schon seit einiger Zeit für freie VBB-Daten einsetzt und bisher nur mit Simulationen arbeiten konnte.

    All diese Apps basieren bis jetzt nur auf den Solldaten, also auf den Fahrplänen, wie man sie in der Fahrplanauskunft findet. Zwar hat der VBB und die BVG auch seine API, also die Schnittstelle zu den Echtzeitdaten von Regionalverkehr, U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen, zur Verfügung gestellt. Doch sie ist kompliziert und muss zunächst aufbereitet werden. Die S-Bahn dagegen sträubt sich als Unternehmen der DB ihre Echtzeitdaten mit den Entwicklern zu teilen.

    Warten auf die App

    Eine App, die mir sagt, ob es sich lohnt, auf die verspätete Tram zu warten und mir ihren aktuellen Standort vielleicht sogar auf einer Karte anzeigt, gibt es also noch nicht. Doch die Weichen sind gestellt. Die offenen Daten stehen weiterhin allen Tüftlern auf der Apps and the City-Website zur Verfügung und Anfang 2013 sollen die entstandenen Anwendungen öffentlich vorgestellt werden.

    Doch nicht nur für Berliner könnte das Warten bald ein Ende nehmen. Die Open Knowledge Foundation will ihre Bemühungen nicht auf die Hauptstadt beschränken. München soll als nächstes seine Verkehrsdaten öffnen, damit auch die Fahrgäste dort künftig nicht mehr bibbern müssen.

    Heute Morgen wartete ich übrigens brav die läppischen 20 Minuten auf die versprochene Bahn. Und sie kam. Halleluja.

    Anm.d.Red.: Die Grafik oben stammt von Station Maps.


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