• Anfang ohne Ende

    Nachdem sogar gelaeuterte Alt-68er den Glauben an die Macht der Demonstrationen verloren und Pierre Bourdieu, Chefdenker der Sozialbewegungen, konstatiert hat, dass „fuenfzig clevere Leute, die ein erfolgreiches Happening veranstalten und fuenf Minuten ins Fernsehen kommen, ebenso viel politischen Einfluss wie eine halbe Million Demonstranten“ haben, bringen die Nuller Jahre ein Revival der Protestbewegungen mit sich.

    Wenn Seattle 1999 ein Meilenstein fuer die Bewegung der Globalisierungskritiker war, so wurden die Demonstrationen im Vorfeld des Dritten Golfkrieges als historischer Sieg der Dritten Supermacht gefeiert.

    Krieg gab’s trotzdem. Er begann offiziell Mitte Maerz 2003 und wurde Anfang Mai, also gut einen Monat spaeter, von George W. Bush fuer beendet erklaert. Problematischer jedoch: Sehr schnell zeigte sich, dass er weiter gehen wuerde, die Bewegung aber darauf keine Antwort hatte. Warum? Protest funktioniert heute nur als Festival, mit Anfang und Ende, der Krieg von heute kennt einen solchen Zeitrahmen jedoch nicht. Es ist ein Krieg, wie er derzeit an vielleicht mehr als 15 Orten in der Welt gefuehrt wird: von Soeldnern, Paramilitaers, Guerillas und Zivilisten. Ein Krieg also, der, um mit dem Politologen Dario Azzellini und dem Historiker Boris Kanzleiter zu sprechen, komplexere Antworten erfordert als die Forderung nach dem Ende von Bombardierungen.

    Diese neue Kriegsordnung praegt den Beginn des 21. Jahrhunderts wie kaum etwas anderes. Bush-Amerika hat diesen Umstand fuer seine Interessen instrumentalisiert: Die Rede ist von einer neuen Epoche, in der eine Beschleunigung geo-politischer Prozesse hin zu einer gerechteren Welt an der Tagesordnung steht. Warum aber gibt es keine Gegen- Narration des Neubeginns? Warum haben die Protestbe- wegungen in den Nuller Jahren keine vergleichbare Erzaehlung des Aufbruchs ersonnen, die die globale Oeffentlichkeit genauso durchdringt, wie ihre punktuelle Intervention vor dem Dritten Golfkrieg? Verfinstern die Farben des Krieges das utopische Denken? Vielleicht. Fakt jedoch ist, dass man kein Rezept gefunden hat gegen eine Entwicklung, die keine Grenzen in Raum und Zeit kennt. Man hat noch nicht begriffen, dass das Ende und der Anfang von Grund auf neu gedacht werden muessen.


1 Kommentar zu Anfang ohne Ende

  • Glockenburg...

    Wenn es so nicht geht, dann geht es anders.
    Schon seit einiger Zeit wollte ich auf einen hochdifferenzierten Beitrag in der Zeitschrift Salbader hinweisen. Theo Fuchs hat sich mit der Schwerkraftreform befasst. Viel genauer kann man Gesetzgebungsverfah...

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