• Berlin, Brecht, Brasilien: „Kollektive fördern, Gruppen politisieren.“

    Das Berliner Performancekollektiv andcompany&Co. gastierte drei Monate in Brasilien, wo es gemeinsam mit KollegInnen aus São Paulo die zweisprachige Inszenierung „FatzerBraz“ erarbeitete und aufführte. An diesem Wochenende wird das Stück in einer weiterentwickelten Version bei den „Ersten Mülheimer Fatzer Tagen“ gezeigt. Die Theaterwissenschaftlerin Frauke Pahlke sprach mit dem Kollektiv über die Kooperation und darüber, was die hiesige Theaterszene von Brasilien lernen kann.

    Euer Stück FatzerBraz basiert auf Bertolt Brechts „Fatzer“-Fragment über eine kleine Gruppe von Deserteuren im Ersten Weltkrieg. Inwiefern wird damit auf die lateinamerikanischen 200-Jahr-Feiern zur Unabhängigkeit Bezug genommen?

    Alexander Karschnia: Es war die Herausforderung, mit der Geschichte Brasiliens umzugehen und dort mit dem Fatzer-Material zu arbeiten. Wir wussten, dass es eine starke Brecht-Rezeption gibt. Aber wir wollten Brecht stärker brasilianisieren und nicht einfach über den Ersten Weltkrieg erzählen. So haben wir nach einem anderen Anknüpfungspunkt gesucht. Das war zunächst nicht einfach. Es gibt ein Selbstbild, dass man ein ziemlich entspanntes Land sei, mit einer relativ undramatischen Geschichte, es wäre nie zu großen Aufständen gekommen, es hätte keinen großen Krieg gegeben, aber deswegen hätte sich auch sozial wenig entwickelt, weil die Menschen lieber an den Strand gehen – das ist das, was einem zunächst erzählt wird.

    Wenn man sich länger unterhält, kommt jedoch heraus, dass dieses Bild nicht stimmt. Es hat einen sehr blutigen Krieg gegeben, es gab eine ganze Reihe Aufstände, separatistische Bewegungen und nicht zuletzt die Erfindung der Stadtguerilla als bewaffneten Widerstand gegen die Militärdiktatur. Aber an der Oberfläche ist das alles nicht präsent.

    Wie sah das in den Proben aus, wie wurde an dieser Oberfläche gekratzt?

    Karschnia: Wir arbeiten viel mit Fotomasken von historischen Gesichtern und hatten zu Beginn eine Auswahl mitgebracht. Viele dieser Gesichter waren unbrauchbar, weil sie keinen Wiedererkennungswert haben, z. B. das Gesicht von Carlos Marighella (Anm. d. Red.: brasilianischer Theoretiker der Stadtguerilla). Wir hatten viele Gespräche darüber, dass das historische Gedächtnis in Brasilien sehr kurz sei. Ein Problem, das die brasilianischen PerformerInnen in den eigenen Arbeiten oft thematisieren. Damit haben wir dann gearbeitet.

    Wie lief die Zusammenarbeit?

    Nicola Nord: Wir haben nach unserem &Co.-Prinzip gearbeitet, das heißt, dass wir Leute aus verschiedenen Gruppen gefragt haben, ob sie mit uns arbeiten wollen. So haben wir eine neue Gruppe zusammengestellt. Die brasilianischen PerformerInnen haben unglaublich viel zu dem Stück beigetragen. Wir haben uns bis zum Schluss ausgetauscht und uns immer weiter gedreht, bis „FatzerBraz“ so war wie es jetzt ist.

    Inwiefern ähnelten eure Arbeitsweisen und -strukturen einander?

    Nord: Die BrasilianerInnen kommen aus Kollektiven, deren Arbeitsweise der unseren sehr nahe steht. Eine der Gruppen ist gerade sehr erfolgreich damit, site-specific zu arbeiten. Das ist noch ganz neu in São Paulo. Sie machen auch Touren durch so genannte „schwierige Viertel“.

    Sascha Sulimma: Es gibt gerade in São Paulo unheimlich viele große, teils sehr junge Theatergruppen von bis zu 20 Leuten. Es gibt kein Staatstheater mit festem Ensemble, sondern in erster Linie freie Gruppen, die Probleme haben, zu überleben. Dadurch ist die ganze Szene auch politisiert.

    Die klassische Arbeitsteilung am Theater gibt es nicht?

    Karschnia: Es gibt oft eine Person, die sich andere Leute sucht. Aber mittlerweile ist es in São Paulo so, dass man gar keine Förderung erhält, wenn man keine Gruppe ist. Selbst der ambitionierte Einzelregisseur tarnt sich daher als Gruppe! Wenn es so etwas gibt wie einen positiven Begriff der Brasilianisierung, dann wäre eine solche Brasilianisierung des deutschen Theaters etwas, was wir durchaus begrüßen würden: die Förderung der Gruppen und deren Politisierung. Es gibt gerade eine zweite Welle der Organisation, wo sie sich wieder neu vernetzen, weil man immer wieder darauf achten muss, dass das geltende Fördergesetz nicht beeinträchtigt wird.

    Foto: andcompany&Co. zusammen mit den KollegInnen aus Brasilien bei einer „Lecture Performance“ im Rahmen des Symposiums Mobile Textkulturen.

    Sulimma: Die Gruppen haben überhaupt erst durchgesetzt, dass es diese Förderung gibt.

    Karschnia: Es gibt mittlerweile eine rechte Stadtregierung. Es sind schon mehrere Kultusminister darüber gestolpert, dass sie versucht haben, sich mit den freien Gruppen anzulegen. Wenn es einen Eingriff gibt in dieses Gesetzwerk, sind die sofort zur Stelle. Dadurch haben sie ein anderes Selbstbewusstsein. Sie versuchen mittlerweile auch, sich als Bewegung zu konstituieren, die auch künstlerisch zusammenarbeitet. Sie treffen sich einmal in der Woche, und probieren ein Modell aus, das sie „Gruppe aus Gruppen“ nennen. Gruppen besuchen sich gegenseitig und tauschen sich aus.

    Wo spielen die freien Gruppen?

    Sulimma: Es gibt Kulturzentren, die Serviço Social do Comércio (SESC). Alle Unternehmen müssen ein Prozent ihres Einkommens in Kultur investieren. Damit werden die SESC finanziert. Für die Besucher ist alles subventioniert, das ist eine sozialpolitische Maßnahme: Da ist ein Kino drin, ein Schwimmbad, eine Bibliothek, Spielplätze, und ein Theater mit einer künstlerischen Leitung, die Theaterstücke einkauft.

    Karschnia: Die meisten Gruppen haben ihre eigenen Örtlichkeiten. Aber wenn man in einem SESC spielt oder auf ein Festival eingeladen wird, ist das toll, man hat dann mehr Publikum. Deswegen gibt es jetzt den Versuch, dass die Gruppen sich gegenseitig besuchen und dort auch spielen. Eine der Gruppen macht unter anderem Straßentheater, teilweise regelrechte Straßenfeste, für die Nachbarschaft direkt um ihr Theater herum – auch um die Leute ins Theater zu bekommen.

    Sie beneiden uns, weil sie denken, dass bei uns alle ständig ins Theater rennen (lacht). Und wir beneiden deren Vernetzung und deren Aktivismus. Außerdem gibt es in Brasilien auch starke soziale Bewegungen wie die Landlosenbewegung Movimento dos Sem Terra (MST), mit denen viele Theatermacher zusammen arbeiten.

    Schreiben sie auch selbst Aufführungstexte?

    Karschnia: Das machen sie zum Teil auch. Die Theaterbewegung hat einen starken Fokus auf „research“: Sie laden Intellektuelle ein, die Vorträge halten, bei Proben beraten, Anregungen geben. Die Theaterbewegung ist „brasilianisch“ in dem positiven Sinne, den der Soziologe Giuseppe Cocco (Anm. d. Red.: der Titel „FatzerBraz“ spielt auch auf Coccos Buch „MundoBraz“ an) diesem Begriff zu geben versucht hat: als etwas, das jenseits des Staates funktioniert. Dass man also in Brasilien, weil das dort eigentlich nie so gut mit dem Staat funktioniert, nicht auf ihn setzt und glaubt, der wird sich kümmern. Sondern dass es da schon Modelle der nichtstaatlichen Selbstorganisation gibt, die vielleicht zukunftsweisend sind.

    Das fanden wir gerade im Theaterbereich spannend. Theater als soziale Bewegung – das gibt es in Deutschland so noch nicht. Aber wenn das mit den sozialen Verwerfungen so weitergeht, wäre es vielleicht irgendwann ein Modell. Mir sind die Verbandsstrukturen hier oft zu vereinsmeierisch. Da könnte sich schon ein bisschen was brasilianisieren.

    Anm. d. Red.: Eine Kurzfassung dieses Interviews erschien in den Lateinamerika Nachrichten. Das Artwork haben andcompany&Co. für FazerBraz kreiert.


7 Kommentare zu Berlin, Brecht, Brasilien: „Kollektive fördern, Gruppen politisieren.“

  • wunderbar!
  • Helga Sonnenberg am 30.04.2011 13:16
    Ich habe das Interview mit großem Interesse gelesen. Am besten gefällt mir die Aussage zum Schluss, als es um das "Theater als soziale Bewegung" geht. Da kann ich Herrn Karschnia nur zustimmen, dass es in Deutschland vielleicht auch bald so sein wird, dass das Theater sich immer mehr politisiert und Teil von soz. Bewegungen wird.
  • "etwas, das jenseits des Staates funktioniert." das ist stark und die Sache mit "Theater als soziale Bewegung" gefällt mir auch enorm! Wirklich! Warum gibt es so etwas nicht auch in Deutschland? Oder sollte man diese Frage vielleicht nicht stellen, weil in Deutschland Subversion etc. sozial und kulturell einfach anders läuft und das Theater damit einfach wenig zu tun hat?
  • Jochen Sinsdorf am 01.05.2011 07:35
    wie kannn man sich vom Staat fördern lassen und seine Arbeit ausserhalb des Staates ansiedeln? geht das überhaupt zusammen?
  • stekram am 01.05.2011 16:29
    i like!!
  • Das Theater von andcompany&co. hat definitiv eine Menge mit Subversion zu tun. Wir fanden zuletzt West in Peace (http://schönschrift.org/artikel/andcompany-co-schlagen-kapital-aus-marx-und-may/) und Pandämonium Germanicum (http://schönschrift.org/artikel/handeln-handeln-handeln/) großartig sehenswert!
  • "The revolution won't be funded" ist ein Buchtitel aus den USA. Klar, von öffentlichen, also staatlichen Geldern lebt die freie Szene hier ebenso wie die Stadt- und Staatstheatern. Und in Brasilien auch. Nur ist dort das Selbstverständnis ein andres: Dort sind das nicht die Krümel, die vom Tisch der staatlich subventionierten Theaterkultur für den Off-Bereich abfällt, sondern dort geht man davon aus, dass einem das Geld zusteht. Eben weil man eine wichtige Rolle für die Gesellschaft spielt. Dieses Selbstvertrauen fehlt uns in Deutschland, das liegt auch daran, dass wir hier keine starken sozialen Bewegungen haben, mit denen man sich vernetzen könnte. Doch diese Idee einer Selbstorganisation jenseits des Staates - oder wie die Formel in Lateinamerika lautet: "innerhalb des Staates, gegen den Staat und über den Staat hinaus" - diese Idee ist ja auch hier nicht ganz neu, sondern stammt aus dem Süden, genauer gesagt: aus Italien. Durch Toni Negri spielt dieser Impuls mittlerweilen weltweit eine wichtige Rolle im Rahmen der sog. "Globalisierungsgegner". Das ist ein ganz wichtiger Aspekt und darauf zielt das "Braz" - der oben erwähnte Guiseppe Cocco ist ein italienischer Emigrant, der zur selben Zeit wie Negri Italien verlassen hat und mittlerweilen in Rio de Janeiro lehrt: Brasilianisierung nicht im Sinne von Ulrich Beck hieße eben nicht nur Favelas in der Bundesrepublik, sondern autonome Strukturen aufbauen. Daran scheitern Fatzer und seine Kameraden 1918. Wie sieht's heute aus, fast 100 Jahre später? Und: Reicht uns dazu jener "4. Weltkrieg", als welcher die neoliberale Globalisierung beschrieben wird? Oder bedarf es dazu erst wieder eines richtigen, eines "heißen" Weltkrieges?

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