Wo endet die Fiktion? Wo beginnt die Realität? Im Fall des Amoklaufs bei der US-amerikanischen Batman-Premiere haben sich die Grenzen aufgelöst. Und damit Katastrophales ausgelöst. Berliner Gazette-Autorin Dana Buchzik sucht nach Antworten.
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Es könnte eine Filmszene sein: Ein schlaksiger Hüne bahnt sich einen Weg durch seine Wohnung, an Kabelgewirr und Sprengstoff vorbei, packt Handfeuerwaffen in eine Tasche, wirft die Tür hinter sich zu. Techno pulst in die Magengrube. Zoom ins blasse Gesicht: ein Lächeln vielleicht, ein gewinnendes Lächeln beim Kauf der Kinokarte. Eine ungesicherte Seitentür, ein ungesehener Gang zum nah geparkten Auto. Der Film hat begonnen, die erste Schießerei ist bereits im Gange, als der Mann eintritt: Langer, schwarzer Mantel, kugelsichere Weste, Gasmaske. Er wirft Kanister auf den Boden, aus denen beißender Nebel aufsteigt, er schießt an die Decke. Kein nennenswerter Unterschied zu dem, was auf der Leinwand passiert.
Deswegen bemerkt zunächst niemand, dass hier etwas aus dem Ruder läuft. Dann richtet der Mann seine Waffe in die Menschenmenge. In den umliegenden Kinos glaubt man an guten Sound, an bemerkenswert authentische Schussgeräusche. Zwölf Menschen sterben. Zoom auf leblose Kinderkörper auf den Stufen, kurz vorm Ausgang des Saals, Zoom auf schreiende Münder, auf Polizisten, die ausschwärmen, die die Gegend nach dem Täter durchkämmen wollen, der ruhig auf dem Parkplatz des Kinos wartet, sich anstandslos festnehmen lässt. Seine Haare sind rot gefärbt. Ich bin der Joker, sagt er. Mehr nicht.
“Good morning, shooters. Happy Friday! Weekend plans?”
“The Dark Knight Rises” erzählt von Hass. Von einem maskierten Schurken, der in ein gefülltes Footballstadion eindringt und mit Sprengstoff und Waffen die Fans angreift. Die Bedrohung der Öffentlichkeit durch gewalttätige Bösewichte ist – im Film – nichts Besonderes. Der Joker ist der klassische Gegenspieler des Superhelden, bleich, teuflisch lächelnd. Er mordet aus Vergnügen, aus Zerstörungssucht – er ist eindimensional. Man macht es dem Zuschauer leicht, ihn zu verurteilen, als pervertierten Einzelfall, dem ohnehin nicht zu helfen wäre.
Ähnlich eindimensional manifestiert sich der öffentliche Diskurs zu dem, was geschehen ist. Ein Blick auf die Facebookseite zu “The Dark Knight Rises” zeigt: Die meisten sind damit beschäftigt, Forderungen zu stellen, an Instanzen, die nichts mit ihnen selbst zu tun haben. Die Mystiker etwa fordern Gottvertrauen (Conor Plosia: “One day, something will come in spite of this tragic day. Something greater than life.”), die Rachelustigen sehen Holmes als Terroristen, der sofort exekutiert werden muss (Jim Smith: “Terrorism is indeed about attacking our civil liberties… this guy must be punished and as Bane said to Batman, “this has to be more severe…”) und die Patrioten möchten ihren Glauben an den amerikanischen Traum nicht hinterfragen: Sie fordern die Filmcrew auf, die überlebenden Opfer im Krankenhaus zu besuchen, in voller Kostümierung, um zu “beweisen”, dass es Superhelden wirklich gibt (Jasmine Armendariz: “Those kids deserve to see a hero in person to let them know real heroes exist. I think Christian Bale should visit these kids in the hospital in the actual batman costume.”)
Der Mythos vom Einzelfall
Die Polizei betont, dass Holmes auf keiner Fahndungsliste gestanden habe, dass er lediglich einmal wegen erhöhter Geschwindigkeit auffällig geworden sei. Reicht ein fehlendes Vorstrafenregister aus, um einen Amoklauf als unvorhersehbar zu werten? Reicht es aus, zu behaupten, dass James Holmes ein kranker Einzelfall sei, der binnen zwei Monaten ganz legal vier Handfeuerwaffen und 6000 Schuss Munition erworben und 12 Menschen getötet hat?
Provokant gefragt: Wieso ist es in Ordnung, dass Menschen sich Bluttaten ausdenken, medial umsetzen und konsumieren? Wieso darf man im Schutz des dunklen Kinosaals, im Schutz der bezahlten Eintrittskarte Lust daran empfinden, wenn Morde inszeniert werden? Wieso halten wir die stumpfe Behauptung für legitim, hier werde bloß künstlerisch “dem Schrecken und der Furcht der Gegenwart eine Form und einen Ausdruck” gegeben und es sei legitim, wenn ein Film “sich nicht lang aufhält mit der Unterscheidung zwischen dem Realen und dem Erfundenen“? Wieso bleibt unerwähnt, dass es viele Menschen gibt, die eben diese Unterscheidung nicht (mehr) treffen können?
Wir belächeln kreischende Fans, die Heiratsanträge an Filmcharaktere schreiben, die sich, wie im Fall der Twilight-Hysterie, ihre Hälse blutig kratzen, um das sexuelle Interesse von Vampir-Darsteller Robert Pattinson zu wecken, statt uns zu fragen, ob nicht schon hier die Grenze zwischen Realität und Fiktion längst überschritten ist, ob diese Menschen nicht Hilfe bräuchten, statt ausgelacht zu werden. James Holmes hat sich die Haare rot gefärbt und sich “Joker” genannt. Hätte er es dabei belassen, wäre er einer von vielen gewesen, die als harmlose Spinner abgetan und ausgeblendet werden.
Anm.d.Red.: Der im ersten Zwischentitel zitierte Tweet stammt vom Twitter-Account der National Rifle Association und wurde am Freitag morgen gepostet. Eine Sprecherin betonte, der Mitarbeiter habe vom Aurora-Massaker nichts gewusst. Der Twitter-Account wurde inzwischen deaktiviert.




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13 Kommentare zu
War es früher anders? Hat Elvis keine Heiratsanträge bekommen, sind Jungs nicht rumgelaufen wie James Dean, wer hat nicht zu seiner Liebsten schon gesagt: "schau mir in die Augen, Kleines"?
Ich finde das zu Verallgemeinernd.
Wenn er in einem Kaufhaus mit roten Haaren Amok gelaufen wäre, dann würde sich niemand die Frage stellen, ob er zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheiden konnte. Oder was wäre gewesen, wenn die Tragödie bei einer Liebeskomödie passiert wäre?
Ich finde nicht, dass man die Frage nach den Ort und das Umfeld bzw. Fiktion vs. Realität stellen sollte, sondern einfach nur die Frage: warum dürfen Menschen Waffen besitzen und sie ganz einfach über Netz bestellen?
Nolan ist es gelungen mit der Figur des Joker eine Ikone des „absoluten Bösen“ zu erschaffen. Ähnlich wie mit „Alex“ in Stanley Kubricks Clockwerk Orange trifft man im Netz überdurchschnittlich häufig auf Avatare die sich mit einem dieser beiden Konterfeis selbst darstellen.
Die Polarisation auf das ”absolute Gute“ und das „absolute Böse“ ist ja rein fiktiv und existiert in Wirklichkeit nur im Märchen oder im Kino. Wenn sich dabei gleichzeitig unsere Gesellschaft (in der Realität) immer mehr in Gewinner und Verlierer polarisiert, ist es nicht verwunderlich wenn introvertierte Jugendliche sich mit dieser fiktiven Form des ”Bösen“ identifizieren. Das wäre dann die Kehrseite der Aufmerksamkeitsökonomie. Wahrscheinlich sind solche Taten wie die in Aurora eine exzessive Form sich Gehör zu verschaffen, wenn einem sonst niemand zuhört.
die Waffenfrage bleibt ja nicht unerwähnt und hat ihre Relevanz; aber sie ist nicht die einzige, die mir wichtig erscheint bzw. wird bereits anderswo zur Genüge thematisiert. In Kanada gibt es meines Wissens nach ähnlich lasche Waffengesetze, dennoch passieren dort Amokläufe in diesem Ausmaß einfach nicht. Es muss entsprechend noch weitere wichtige Faktoren geben; nach denen habe ich gesucht.
Und: ich verstehe deinen Punkt mit der Verallgemeinerung, aber Holmes ist nun mal nicht in einem Kaufhaus Amok gelaufen, sondern in einem Batman-Film, plus Behauptung, der Joker zu sein, plus eine Szenerie des Amoklaufs, der einer Batman-Filmszene gleicht, in der der Bösewicht mit Gewehr und Tränengas eine breite Fan-Gemeinde angreift, diesmal in einem Stadion, gut, aber das sind schon Faktoren, die man nicht außen vor lassen sollte mMn.
Jan:
Danke!
"Es war das drittstärkste Start-Wochenende der US-Kinogeschichte: Der neueste "Batman"-Film "The Dark Knight Rises" sammelte mehr als 160 Mio. US-Dollar ein - so viel wie kein 2D-Film zuvor. Zwar lagen die Erwartungen sogar noch ein bisschen darüber, doch der Amoklauf während einer "Dark Knight Rises"-Vorstellung in der US-Stadt Aurora könnte die Zahlen etwas gedrückt haben. Aus Respekt vor den Opfern werden die Hollywood-Studios und Analyse-Unternehmen Rentrak die offiziellen Box-Office-Zahlen erst am Montag melden..."
http://meedia.de/fernsehen/amoklauf-ueberschattet-dark-knight-rekord/2012/07/23.html
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kino-attentat-in-denver-mutmasslicher-taeter-soll-tat-angekuendigt-haben-a-846444.html
"Jeder fünfte US-Kinobesucher hat Angst, sich den Film anzuschauen."
Man kann fragen: wie ist er zu seinen Problemen gekommen? ich glaube nicht, dass es was mit Hollywood zu tun hat.
Wenn wir über Hollywood sprechen wollen, dann:
2. es gibt Menschen, die finden in den Filmen Identifikationsangebote, die stärker sind, als Angebote, die ihnen außerhalb des Kinos (Internet, etc.) im Alltag von Familie, Schule, Uni oder Betrieb gemacht werden. Und diese Menschen werden nicht unbedingt weniger. Woran liegt das? Man önnte meinen, die Gesellschaft degeneriert: Es gibt hier beispielsweise schwerwiegende Werteprobleme, etc. Andererseits verbringen die Menschen immer mehr Lebenszeit innerhalb von Filmen, Games, etc. Mehr noch als früher in Büchern: mehr Zeit und mehr Menschn. Weil auch mehr Menschen Zugang haben.
3. es gibt Menschen, die haben Zugang, aber nicht unbedingt die so genannte "media literacy": also sie lesen aber sie können das, was sie lesen und zu verstehen scheinen (sie folgen dem Film wie Batman rises mühelos) nicht wirklich lesen. denn um so was richtig lesen zu können, muss man übersezten können: zwischen den kulturen, zwischen den realitäten, zwischen den medien, etc.
"The psychiatrist who was treating Colorado movie massacre suspect James Holmes warned a University of Colorado threat-assessment team that he could be a danger, but no action was taken because he soon dropped out of school..."
-> Quelle für Kommentar 11: http://www.foxnews.com/us/2012/08/02/psychiatrist-warning-about-holmes-ignored-when-dropped-out/