• Als Social Networking noch Punk war

    Web 2.0 und Soziale Netzwerke wie Facebook sind keine Phänomene, die aus dem Nichts kommen. Ein analoger Ursprung des Social Networking liegt in der Punkbewegung der 1970er Jahre, als man begann Do It Yourself-Fanzines zu hunderten zu kopieren und zu verteilen. Die Netzwerkforscherin Tatiana Bazzichelli ergründet diese vergessene Netzkultur von ihren Wurzeln bis zur Blüte in der hacktivistischen Undergroundszene und fragt, was diese mit heutigen Netzwerken noch gemein haben.

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    Die Wurzeln zeitgenössischer internetbasierter Sozialer Netzwerkplattformen liegen in einer Reihe experimenteller Aktivitäten im kulturellen und technologischen Bereich, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Veränderung der Wahrnehmung von Kunst bewirkten: weg von einer Kunst als Objekt, hin zu einer Kunst als breitgestreutes Netzwerk von Beziehungen. Praktiken der Avantgarde, wie zum Beispiel die Mail Art, der Neoismus und das Luther Blissett Project (LBP), antizipierten die Struktur der Web 2.0-Plattformen, die heute eine ungeheure Masse an Internet-UserInnen erreichen.

    Diese eigentlich klein angelegten Praktiken zeigten, dass vernetzte Kunst nicht hauptsächlich durch Technologie bestimmt wird, sondern, dass sie auf der Schaffung von Filesharing-Plattformen und Austauschkontexten zwischen Individuen und Gruppen basiert. Diese Perspektive macht es möglich, dass Konzept des Networking als Praxis der Schaffung von Beziehungsnetzwerken und als kulturelle Strategie zu definieren, die darauf abzielt, Wissen miteinander zu teilen und gemeinsam zu nutzen; eine Landkarte von Beziehungen, die im Entstehen begriffen ist.

    Hacktivismus – das Netz als politischer Raum

    Netzkulturen wurden oft mit dem Konzept der Schenkökonomie in Verbindung gebracht, mit dem Grassroots-Communitys alternative, soziale Konfigurationen und eine nachhaltigere, auf dem Teilen freier Güter basierende Wirtschaft fördern wollten (Welch 1995; Baroni 1997; Saper 2001). Dieses Beziehungsmodell erlaubte den „Tausch“ spontaner Geschenke, ein auf Peertechnologien und Peernetzwerken begründeter Potlatch.

    Seit den 1980ern sind Netzwerkplattformen, wie die Mail Art-Communitys aber auch die BBS (Bulletin Board System)-Netzwerke ein wichtiges Werkzeug, um Wissen und Erfahrungen zu teilen, sowie Praxen des Hacktivismus und Werke kollektiver Kunst zu schaffen. Die Konzepte von Offenheit und DIY (Do It Yourself), die heute mit der Verbreitung sozialer Netzwerke und des Web 2.0 immer relevanter werden, waren ein Startpunkt für die Entwicklung der Tauschmodelle dieser Graswurzel-Communitys.

    Offenheit bezieht sich dabei auf einen Entscheidungsfindungsprozess, der durch ein Kollektiv von Individuen betrieben wird, die gemeinschaftlich organisiert und nicht durch eine zentrale Autorität orchestriert sind – eine Definition, die angesichts der zentralisierten internetbasierten „Social Networking“-Plattformen absolut paradox wirkt. Do It Yourself ist eine Haltung, die auf der Forderung beruht, auf unabhängige Weise, etwas zusammenzubauen und zu erschaffen, und daher mit der „Hands On“-Maxime der Hacker verglichen werden kann (Steven Levy, 1984).

    Do It Yourself ist Punk

    Der Beginn des DIY als echte Subkultur könnte mit der Punk-Bewegung der 1970er angesetzt werden. In diesen Jahren waren Kopiermaschinen weit verbreitet und ihr Gebrauch wurde innerhalb dieses dissidenten Milieus immer häufiger, wodurch es zur Entstehung von Underground-Zines, Art-Zines, Punk-Zines und ähnlichem kam (gut beschrieben in Stephen Duncombe, 1997). Die Punkkultur stellte die Idee der „hohen Kunst“ infrage, um kreative Möglichkeiten für jede und jeden zu eröffnen. Sie stellte sich gegen das Geschäft der großen Musiklabels als Hauptkanal, um in eine direkte Beziehung zum Publikum zu treten.

    Alle konnten spielen, solange sie das wollten, und die Bands begannen, die Logik des DIY auch auf die Produktion von Musik, Platten sowie Werbemitteln auszudehnen und kostengünstige Touren zu organisieren. Durch den Einsatz von Computern und dem Internet wurde die DIY-Netzwerkdynamik zusätzlich verstärkt und damit zu einer praktischen Philosophie in der hacktivistischen Undergroundszene.

    Das Konzept des „Hacktivismus“ bezieht sich auf eine Anerkennung des Netzes als einen politischen Raum mit dem Ziel, eine dezentralisierte, autonome Graswurzel-Partizipation zu ermöglichen. Zugang für alle, Information als freies Gut und die bewusste Nutzung von Hardware und Technologie – die Basiskonzepte der Hackerethik – werden so zu politischen Zielen.

    In diesem Kontext wird Networking zu einer Praxis des Erschaffens von Beziehungsnetzen, indem Erfahrungen und Ideen miteinander geteilt werden, um zu kommunizieren und auf künstlerischer Ebene zu experimentieren. In den Hacker-Communitys der 1990er Jahre wurden Netzwerkplattformen als offene Räume verstanden, innerhalb derer die Ideen der gemeinsamen Nutzung von Inhalten, der Offenheit, der Kollaboration, der Dezentralisierung und des freien Zugangs zu Computern angewendet werden konnten (Steven Levy, 1984).

    Networking – eine kollektive Kunstpraxis

    Aber das Konzept des Networking kann auch als eine Kunstpraxis analysiert werden, die eine kritische Perspektive auf die politische Imagination wirft. Ein Beispiel ist die Geschichte der italienischen Hacktivismus- und Netzkultur in den frühen 1980ern bis heute – ein Weg, der mit der Mail Art sowie den neoistischen und Luther Blissett-Projekten zu multiplen Identitäten, aber auch mit den BBS-Netzwerken begann und dann zu den italienischen Hackmeetings, zum Telestreet-Netzwerk und zu vielen anderen Netzwerkkunstprojekten verschiedenster italienischer KünstlerInnen und AktivistInnen führte (Bazzichelli, 2006).

    In diesem Szenario fällt Netzwerkkunst zusammen mit der Praxis des Handelns innerhalb sozialer Zwischenräume und kultureller Brüche, die am Rand des täglichen Lebens zu stehen scheinen, tatsächlich aber ein wichtiges Territorium für die Neuerfindung und das Umschreiben symbolischer und ausdrucksstarker Codes sind, wie am Beispiel der Telestreet-Netzwerke gezeigt werden kann. In der italienischen Undergroundkultur, in der Hacker-Communitys sehr eng mit Aktivismus verbunden sind, basiert die Kunst des Networking auf der Figur des Künstlers als Schöpfer von Tauschplattformen sowie von Beziehungs- und Tauschkontexten.

    In der BBS-Kultur sind all jene Netzwerker, die es schaffen, Räume der Diskussion und des Tausches ohne Zensur (zumindest dem Anschein nach) zu generieren; im Mail Art-Netzwerk werden wiederum all jene als NetzwerkerInnen bezeichnet, die Anlässe für den kreativen Austausch postalischer Kunstwerke schaffen, aber auch jene, die einer Einladung zu einem Netzwerkprojekt folgen und eigene Projekte entwickeln. Daher werden aktive Subjekte zu NetzwerkoperatorInnen und machen so Kunst inklusiv statt elitär, indem sie das Konzept der Kunst als solches in Frage stellen.

    The network is the message

    In den bereits beschriebenen Szenen, die der von den Web 2.0-Plattformen vermittelten Vorstellung des „Social Networking“ zeitlich vorausgingen, war das Networking eine kollektive Kunstpraxis, die nicht auf Objekten und auch nicht bloß auf digitalen oder analogen Werkzeugen basierte. Es entstand vielmehr aus den sich entspinnenden Beziehungen zwischen Individuen, die neue Beziehungskontexte schaffen oder kreative Güter erzeugen, die als Commons geteilt werden.

    Die Praxis des Networking kann auch als Virus gesehen werden, der sich verbreitet, indem durch unzählige Kontakte und Handlungen von Menschen virale Kommunikationsprozesse entwickelt werden. Dies zeigt auch Derrick de Kerckhove auf, wenn er die Evolution des Netzwerkphänomens beschreibt und die Praxis von Mail Art als eine seiner Vorläuferinnen begreift, die sich lange vor dem Internet herausbildete: „Quoting the famous phrase by Marshall McLuhan ‚the medium is the message‘ today one may say that the network is the message of the medium Internet” (Derrick de Kerckhove, 2006).

    Unter der Annahme, dass das Netzwerk von Beziehungen die Hauptbotschaft des Internet ist, kann eine Analyse des Social Networking heute nicht ohne die Betrachtung seiner historischen Wurzeln auskommen, die mehr als 30 Jahre zurückliegen und oft außerhalb des Internet Gestalt annahmen. Das Netzwerk der Mail Art, die neoistische Netzwerkverschwörung und das Luther Blissett-Projekt sind gute Beispiele für drei verschiedene Modalitäten, wie Netzwerke erzeugt werden können, die jedoch einiges gemein haben: die Entwicklung einer Graswurzel-Netzwerkstruktur, die Neudefinition des Kunstkonzepts durch kollektive Interventionen, die Kritik rigider Identität, das Ersetzen „hoher Kunst“ durch Ironie und Alltagspraktiken, und schließlich das Erschaffen offener (und im Fall Luther Blissetts anonymer) gemeinsamer Nutzungsphilosophien, die institutionelle Medien- und Kunstsysteme infrage stellen, in Krisen stürzen und ihre Fehler und Verletzlichkeiten aufzeigen.

    Was haben heutige Soziale Netzwerke damit noch gemein?

    Wenn die Begriffe Social Media und Social Networking umgedeutet und im Kontext von Underground- und Grassroots-Erfahrungen der letzten 30 Jahre gesehen werden, dann ist es nötig, die Bedeutung des „Sozialen“ zu erforschen und die Vorstellung des Networking an sich neu und kritisch zu definieren. Während viele der zeitgenössischen „Sozialen Medien“ einer großen Öffentlichkeit Zugang zu hochwertigen Technologien der gemeinsamen Nutzung ermöglichen, unterscheiden sie sich substanziell von den Peer-to-Peer-Technologien und von den Erfahrungen, die weiter oben erwähnt wurden.

    Die Rhetorik der Offenheit und der Eigenproduktion ist gleich geblieben, doch haben sich die Ziele verändert: Wie schon beschrieben, haben KünstlerInnen, HackerInnen und AktivistInnen darum gekämpft, anstatt zentralisierter Technologien offene Kommunikationskanäle und oft nicht-monetäre Interaktionsmodelle zu schaffen. Stattdessen speichern viele soziale Medien heute Daten in ihren proprietären Servern und erlauben keinen Informationsfluss und -austausch über die durch die Firmen festgelegten Grenzen hinweg.

    Darüber hinaus erzielen diese Firmen durch die Aktivität der gemeinsamen Nutzung von Inhalten seitens der UserInnen hohe Erträge, die jedoch nicht gleichmäßig auf alle aufgeteilt werden. Überdies definieren diese Plattformen etwas als „sozial“, was es oft gar nicht ist, da sie normalerweise keinen wechselseitigen Austausch von Angesicht zu Angesicht bieten und das Geschwindigkeitsniveau der Kommunikation oft zu schnell und zu knapp ist, um einen vertieften Gesprächskontext zu ermöglichen.

    Diese verschiedenen Modelle des Networking zu kennen und zu verstehen, könnte eine taktische Antwort gegenüber den starren Grenzen der „Sozialen Medien“ darstellen und die Möglichkeit zur Intervention eröffnen. Ein Möglichkeitsfeld, wo UserInnen zu AkteurInnen und Netzwerke zu einem Werkzeug für künstlerisches Schaffen und sozio-politische Veränderungen werden können.

    Anm. d. Red.: Das Foto oben stammt von gato-gato-gato. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Texts, der in dem Buch Vergessene Zukunft erschienen ist (transcript 2012).


4 Kommentare zu Als Social Networking noch Punk war

  • der Film über Facebook / Zuckerberg von Fincher wurde mit ein paar Begriffen beworben, ich glaube u.a.

    Genie
    Miliardär
    Punk

    ...

    ist der Punk-Spirit heute vielleicht doch noch alive?
  • Ein wichtiger Beitrag der aufzeigt, wie aus vielen unscheinbaren Pflänzchen nach langer Zeit endlich ein Wald entsteht. Damit wird den vielen fleißigen GärtnerInnen ein Stückweit Anerkennung gezollt.

    Noch besser wäre es allerdings, wenn Facebook und Co. sich ihrer Wurzeln entsinnten und etwas für die geleistete Kulturarbeit zurückgäben. Ich meine Geld.

    Stefan
  • @1: na ja, das sind allenfalls BUSINESS PUNKS diese Zuckerberg & Co.s - stylishe Kopien echter Punks und Menschen mit echtem Punk-Spirit. Hollywood und die Werbeindustrie macht sie zu Punks, es kommt nicht aus ihrem Herzen.
  • @2: ein interesanter Punkt: Facebook sollte eine Stiftung gründen zur Förderung von kleinen und historischen sozialen Netzwerken. Zuckerberg hat privat mal Kohle überwiesen an die Leute von Diaspora, einige Hundertausend, aber das ist etwas anderes. Es muss viel systematischer und öffentlicher sein, wenn der Gigant gemeinnützige Förderarbeitet leistet...

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