• Abwasserwissen

    Eine undurchsichtige Idee: ein Aquarium mit Abwasser füllen, dort eine kleine Welt mit entsprechender Flora und Fauna gestalten und aus dessen Betrachtung kontemplativen Genuss ziehen. Wer das tut, benötigt nicht nur eine strapazierfähige Nase, sondern auch gute Gründe und gute Freunde. Denn: Die Präposition „ab“ schmiegt sich ans Wasser, wenn wir vom Wasser genug haben, wenn wir es loswerden wollen. Abwasser bewegt sich von uns fort, darin findet es seine Zweckbestimmung, seine Regieanweisung: Ab!

    Der Weg vom Wasser zum Abwasser ist ein konsumistischer . Das Wasser nutzt sich dabei ab, sei es beim Trinken, beim Waschen, beim Schwimmen und sogar letztlich im Aquarium; auch dessen Wasser landet irgendwann im Ausguss. Wasserkonsum heißt aber nicht nur Schwund, sondern auch Expansion und Eskalation. Masse und Volumen nehmen zu; Wasser reichert sich als Abwasser nämlich mit Mensch an. Genauer: mit menschlichen Resten. Geruch, Schmutz, Ausscheidungen, sowas. Diese problematischen, weil nicht mehr konsumierbaren Reste des modernen Daseins werden im Wasser gelöst, gesammelt und abgeführt. Sie werden entsorgt, sagt man.

    Parasitärer Konsum

    Entsorgung hat sich als eine parasitäre Form des Konsums institutionalisiert: Der gut organisierte Konsum von Resten, die Sorgen bereiten. Das moderne Verlangen nach Restlosigkeit destilliert aus Abwässern erneut Konsumprodukte, beispielsweise Dünger, Abwärme, Energie und mehr oder weniger sauberes Wasser. Man raunt diesbezüglich heute von „urban mining“ als Zukunftsindustrie . Der parasitäre Konsum des Abwassers bringt aber wiederum neue Reste hervor, die weiteren Entsorgungen zugeführt werden. Entsorgung ist ein Vorgang des steten Aufschubs. Dazu bedarf es medialer Strukturen: Kanäle.

    Der flüssige Aggregatzustand des Wassers im Gefälle der Kanäle bringt die menschlichen Reste in Bewegung, verschiebt sie. Dieses Geschehen entzieht sich der gemeinen Wahrnehmung, denn Kanalisationen werden zumeist als unterirdische Netzwerke angelegt. Abwässer werden also nicht nur vom Körper fortbewegt, sie werden vor allem der sinnlichen Wahrnehmung entzogen. Die Wahrnehmung von Abwasser ist die Sorge, die mittels Kanalisationen entsorgt wird. Dadurch wird die Kanalisation zu einer Art anästhetischem Widerpart des Aquariums. Abwässer werden nicht an- oder durchschaut, sie werden verborgen und verschoben. Sie dienen nicht der Anregung oder dem Zeitvertreib, sondern der Abregung und dem kontinuierlichen Aufschub.

    Nicht mehr ausblenden

    Trotzdem gibt es so etwas wie einen „Abwasserblick“. Hugo Loetscher beschreibt ihn, in seinem Roman Abwässer. Kanalarbeiter besäßen diesen Abwasserblick. Es sei ein Blick in die Welt, der das Unterirdische, das Unsichtbare, das Abwasser immer mitdenke. Dieser besondere Blick sei aber ein prekärer Blick, denn aus ihm speise sich ein Wissen um die parasitäre Reproduktion und den unendlichen Aufschub von Resten. Ein gefährliches Wissen, das Entsorgung bedarf.


2 Kommentare zu Abwasserwissen

  • Jacques am 28.02.2010 10:29
    "Ab" --- ich liebe diese Präposition! Abwasser konnotiert für mich Abwesenheit/Absenz. Es ist das Wasser, das da ist ohne hier zu sein.
  • Jerome Kaiser am 28.02.2010 12:02
    ich beschäftige mich beruflich mit wasser und bin sehr froh, hier so eine differenzierte darstellung vorzufinden, danke!

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