Castingshows im TV, YouTube-Contests im Internet und Talentwettbewerbe im Radio: Noch nie gab es für junge KünsterInnen so viele Möglichkeiten berühmt zu werden, meistens klappt es trotzdem nicht. Bei dem Rapper TeMain, war das anders: Als 15-jähriger schaffte er den Durchbruch. Er stand mit Samy Deluxe auf der Bühne, hatte einen eigenen YouTube-Hit und musste in der Schule Autogramme schreiben. WAS BLEIBT von diesem Ruhm?
Mein Künstlername ist TeMain. Ich bin jetzt 19 Jahre alt, komme aus Fulda und mache Rap-Musik seitdem ich elf bin. Meine Inspiration war Eminem mit seinem Film 8 Mile. Ich dachte mir: „Das brauche ich auch. So ein bisschen Erfolg, Respekt und Anerkennung“. Bis ich 15 Jahre alt war, habe ich keinem meine Songs gezeigt.
Die Anfänge: Wir hatten schlechte Texte, keinen Flow und kein Talent
Ich hab für mich angefangen, für mein Herz, meine Emotionalität und um was Cooles zu machen. Die meisten Leute fangen mit Rap-Musik oder generell Musik an, um Glamour zu haben. Die wollen Geld und Macht und denken, man könnte Frauen abkriegen (was übrigens echt stimmt). Aber man muss das erstmal für sich machen.
Mit 15 Jahren habe ich dann mit ein paar Freunden begonnen, meine Musik übers Internet zu verbreiten. YouTube war noch neu damals. Das war nicht so wie heute, wo jeder jeden Tag da drauf geht. Für uns war das ganz super toll, ein eigenes Lied im Internet zu haben und dass Leute darauf Zugriff haben konnten. Aber wir hatten schlechte Texte. Wir hatten keinen Flow und ich hatte auch gar kein Talent. Ich hab in vielen Sachen kein Talent. Aber ich habe meinen Kopf und meinen Willen. Und dann läuft das.
Irgendwann hat sich hier in Fulda dann tatsächlich eine kleine Szene entwickelt. Es gab mal eine Veranstaltung, wo alle krassen Rapper aus Fulda auftreten konnten. Das wurde von einer Jury bewertet, die selber keine Ahnung hatte und von der ich mir heute gar nichts mehr sagen lassen würde. Aber ich war 15. Für mich war das eine ganz coole, große Sache. Natürlich habe ich diesen Wettbewerb gewonnen. Ich hatte mich einfach am besten vorbereitet.
Durchbruch: Der F.U.L.D.A-Song, Samy Deluxe, RTL
Dann hatte ich diesen geilen F.U.L.D.A-Song. Der hat sich verbreitet, weil Rap-Musik aus Fulda was Neues war. Am Anfang hat mich jeder gefeiert. Dadurch war ich schon mal ein wenig bekannt. Ein Jahr später fand es jeder dann auf einmal wieder scheiße. Schon komisch die Menschheit. Ich hab natürlich immer weiter gemacht. Irgendwann habe ich bei SchuelerVZ gesehen, dass Samy Deluxe aus jedem Bundesland einen Nachwuchsrapper mit einem Song über Deutschland sucht. Ich wurde für das Bundesland Hessen ausgewählt.
Eine Woche wurde ich in Hamburg von Samy geschult. Und das wurde natürlich in der regionalen Presse groß gefeiert. Wann gab es das schon mal, dass so ein kleiner Furz wie ich mit Samy Deluxe auf einer Bühne vor 10.000 Menschen rappt, wo dann auch noch lauter Hip Hop-Größen da waren? Ich war mit 16 Jahren schon auf RTL bei diesem “Punkt 12″, dann auf NDR und das wurde auch von der ARD, weil die ja gekoppelt sind, ausgestrahlt. Da war ich schon sehr stolz.
Dann hat sich das alles immer weiter gesteigert durch Auftritte. Ich rappte irgendwie zu “Gewalt- und Suchtprävention” und so kam die Stiftung Sehnsucht auf mich zu, für die ich dann bundesweit Auftritte gegeben habe.
Parallel habe ich mit meinem Kumpel Dennis Musikvideos gemacht, die auch in die 150.000 Klicks bei Youtube gegangen sind. Anders als die anderen haben wir, während wir Musik gemacht haben, wenigstens keine Scheiße gebaut. Das haben wir dann in der anderen Zeit gemacht.
Selbstzweifel: Warum finden die anderen mich toll? Ich bin doch nur ein kleiner Junge
Einmal habe ich auch für den Sohn meines Mathelehrers ein Autogramm geschrieben. Das hat mich irgendwie besonders gefreut – neben den ganzen 1000 anderen Autogrammen. Aber ich meine, warum machen die das? Ich bin doch eigentlich nur ein kleiner Junge, ich bin doch ganz genau wie die. Am peinlichsten ist immer, wenn ich auf Handys oder auf Klamotten unterschreiben soll.
Und natürlich ist es auch schwer, solche Sachen zu verarbeiten. Ich meine, ich bewege mich ja nur hier in Fulda und wenn man dann nicht mehr ordentlich durch die Stadt gehen kann ohne, dass ich angeguckt werde oder ein blödes Wort kommt, oder dass ich ein Autogramm schreiben muss, dann denkst du erst mal, du bist der Coolste. Ich hatte eine übertrieben geile Jugendzeit. Ich hatte voll viele Freunde auf einmal, war voll geil.
Aber gewisse Sachen werden ja nach einer Zeit langweilig und dann war irgendwann TeMain nicht mehr so angesagt. Und dann sind diese ganzen Freunde natürlich auch wieder verschwunden.
Jetzt: Einsatz für andere Kids
Ich mache das eigentlich schon immer: mich für andere Kids einsetzen. Habe auch schnell gemerkt, dass ich gut an die rankomme. Dass sie irgendwie Respekt vor mir haben, mir zuhören, was ich sage und sogar darauf hören. Der Verein SMOG (Schule machen ohne Gewalt) hat mir dann die Basis geboten, dass ich mein eigenes Projekt Von der Straße ins Studio habe, was heute durch den Verein Jollydent noch weiter gefördert wird und bundesweit einen großen Erfolg hat.
Aber es gab schon auch viele Probleme. Und ich glaube auch nicht, dass ich das alles noch mal machen würde. Aber jetzt, wo ich diesen Weg gegangen bin, will ich ihn trotzdem nicht missen. Ich habe sehr viel geopfert, dafür habe ich eigentlich viel zu wenig erreicht. Ich komme aus dem Nichts, aus so einer Stadt wie Fulda.
Die Zukunft: Zwei Herzen in meiner Brust
Ich bin eigentlich ein Intellektueller, der Rap macht. Ich liebe Goethe. Alles was Goethe sagte und machte, finde ich auch cool. Goethe hat zum Beispiel in Faust geschrieben: „Ach zwei Herzen schlagen in meiner Brust“. So ist das auch bei mir. Einerseits finde ich diese ganze Streetkacke ja doch voll cool, weil es Spaß macht und man frei ist, aber andererseits verachte ich diese ganze Scheiße auch. Ich weiß schon genau, wovon die ganzen Literaten reden, vielleicht weil ich schon so viel in meinem Kopf habe.
Die waren alle irgendwo einsam und ich bin auch im Endeffekt einsam, weil mich nicht viele verstehen. Das, was ich mache, verstehen sie nicht und sie verstehen nicht, dass ich mit meinem Projekt irgendwelchen kleinen Kindern helfen möchte und mit denen rappe und Musik mache.
Ich habe dieses Jahr mein Abitur gemacht und im Moment bin ich am Jobben, weil ich Inspirationszeit brauche, um meinen Studiengang auszuwählen. Ich hoffe, ich werde reich werden, eine glückliche Familie gründen mit einer wunderschönen Frau. Ich will Geld verdienen, damit ich mein Ego-Niveau weiter halten kann. Dass ich irgendwann ausgleichen kann, dass ich keine Autogramme mehr gebe, sondern, dass ich dafür einen BMW besitze, den ich bar bezahlt habe.
Bei meiner musikalischen „Karriere“ plane ich meine Zukunft nicht. Durch komische Zufälle kamen bis jetzt immer neue Stationen. Ich gehe jeden Weg. Aber wenn der Weg in eine Sackgasse läuft, wenn es nicht weiter geht, dann höre ich auf. Fertig aus.



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6 Kommentare zu
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Ich würde mir mehr solcher Texte von der BerlinerGazette wünschen!